Diskurs Bildung und Jugend 2009
Öffentliche Diskussionsveranstaltung, konzipiert von der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur und in Bonn am 26. Juni 2009 gemeinsam veranstaltet mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Schülerplanspiel SPUN.

Standpunkte der Diskussionsteilnehmer/innen

Der Bonner Bildungspolitiker und Schulleiter Jürgen Nimptsch, die finnische Bildungsexpertin Heli Europäeus, die UN-Jugenddelegierte Emily Büning, der SPUN-Generalsekretär Marian Turowski und der Philosoph und ask-Leiter Dr. Martin Booms diskutierten mit ca. 250 überaus engagierten Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und Europa sowie ca. 100 weiteren Gästen über den Stand, die Probleme und Chancen sowie über die Hintergründe von Bildung für Jugendliche. Dabei standen aktuelle Themen wie PISA und gymnasiale Schulzeitverkürzung („G8“) ebenso auf der Agenda wie Fragen der grundsätzlichen Zweckbestimmung und Werteausrichtung der Bildung junger Menschen und der Bedeutung von politischer und gesellschaftlicher Bildung im Besonderen.

Während die anwesenden Schülerinnen und Schüler mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie Freiraum für informelle Bildung in den bestehenden (hoch-)schulischen Einrichtungen einforderten, merkte auch die Jugenddelegierte Emily Büning an, der oftmals erhobene Vorwurf der gesellschaftlichen und politischen Teilnahslosigkeit der jungen Generation sei nicht in einem mangelnden Interesse der jungen Menschen begründet, sondern habe oftmals systemische Gründe und mangelnde Ermutigung zur Partizipation.

Der Sozialphilosoph Martin Booms führte den Blick von der Bildung auf gesamtgesellschaftliche Aspekte und Wertefragen: Wenn eine nicht mehr auf die Sache selbst, sondern einseitig auf Nutzverwendung und Verwertung ausgerichtete Wertehaltung im wirtschaftlichen Handeln mitverantwortlich sei für gegenwärtige krisenhafte Entwicklungen des wirtschaftlichen Handelns, so sei diese Krise nachhaltig nur dann zu bewältigen, wenn das Wertesystem der Bildungseinrichtungen nicht von einem Leitbild geprägt sei, das in analoger Weise einseitig auf das Prinzip der Verwertung und des Umsetzungsnutzens verengt sei. Mit einer zunehmenden Alleinstellung des Qualifizierungsaspektes sei aber aktuell genau diese Tendenz bei der Gestaltung von Schule und Hochschule festzustellen. Dagegen müsse sich in der Bildung wieder ein ganzheitliches Verständnis der Leitbegriffe "Nutzen", "Leistung" und "Erfolg" wiederspiegeln, das nicht nur auf Umsetzung/Verwertung abhebe, sondern zugleich auf sachbezogene Verantwortung, kritische Urteilsfähigkeit und soziale Anteilnahme/Integrativität abstelle. Dazu müsse in der programmatischen Ausrichtung der Bildungseinrichtungen der Aspekt der Ausbildung (Qualifizierung) wieder in ein angemessenes Verhältnis zur nicht-verwertungsbezogenen Bildung gesetzt werden. Eine solche Bildung sei angemessen für eine ganzheitlich verstandene "Leistungsgesellschaft", für die soziale, anteilnehmende und integrative Werte ebenso grundlegend seien wie funktionale Qualifikationen. 

Der Schulleiter und Politiker Jürgen Nimptsch argumentierte aus der eigenen Bildungspraxis heraus in eine ähnliche Richtung: In seiner integrativen Gesamtschule gehe es darum, neben der Vermittlung von Sachkompetenzen gleichberechtigt soziale Kompetenzen und Erfahrungen zu vermitteln. Dazu gehörten die Möglichkeit zur Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme durch die Schülerinnen und Schüler sowie die Erfahrung des integrativen Lernens. In einem solchen ausgewogenen Verhältnis von sozialen und fachlichen Fähigkeiten sehe er das Anforderungsprofil der "Führungskräfte von morgen".