Konzeptioneller Hintergrund
Der Hintergrund für die Einrichtung einer Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur beruht auf folgenden Feststellungen:

Institutionelle Lücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Zum einen ist festzustellen, dass integrative Projektformen, die eine Verbindung von wissenschaftlich fundierter Sachkenntnis und öffentlich-gesellschaftlicher Beteiligung unmittelbar und als programmatisch verankerte Kernaufgabe anstreben, zur Zeit noch keinen hinreichend gesicherten institutionellen Standort haben. So kommt diskurs- und partizipationsgerichteten Projekte im akademischen Raum eher eine flankierende Rolle zu, häufig in Form temporärer Anhangprojekte ohne auf Dauer gestellte eigenständige institutionelle Perspektive.

Unzureichende Beachtung sozialethischer Fragestellungen

Zum zweiten ist festzustellen, dass in den letzten 20 Jahren eine Institutionalisierung wissenschaftlich fundierter Ethikeinrichtungen – sei es als Beratungsgremien, Forschungseinrichtungen oder Informationseinrichtungen – schwerpunktmäßig im Problemfeld  medizinisch-naturwissenschaftlich-technischer Themenstellungen und Herausforderungen erfolgt ist, namentlich im Bereich der Lebenswissenschaften (Bio- und Medizinethik). Gegenüber dieser mittlerweile auf erfreulich breiter Basis erfolgten Etablierung naturwissenschaftlich-technisch orientierter Ethikinstitutionen zeigt sich noch kein gleichgewichtiger Institutionalisierungsprozess für Fragestellungen unmittelbar gesellschaftsethischer Art, etwa im Bereich der Politischen Ethik, der Wirtschaftsethik, der Medienethik und soziokultureller bzw. -religiöser Fragestellungen.

Gesellschaftlicher Klärungs- und Diskussionsbedarf

Gleichwohl ist gerade in diesen Bereichen in letzter Zeit ein zunehmend hoher Bedarf an ethischer Aufarbeitung im Sinne von Sachaufklärung, Vermittlung von Urteils- und Orientierungskompetenz und wissenschaftlich-gesellschaftlichem Wissenstransfer zu verzeichnen. Dies wird sichtbar in der Zunahme gesellschaftlicher Spannungsphänomene, die sich in der öffentlichen Diskussion unter pauschalierenden Schlagwörtern wie „Politikverdrossenheit“, „Kapitalismuskritik“ bzw. „Heuschrecken-Debatte“ häufig mehr emotionalen als reflektierten Ausdruck verschaffen und in dieser Form weniger Anlass zu kritischer Diskussion als zu verfestigender Polarisierung geben. 

In der Sache bestimmen ungeklärte sozio-kulturelle Fragestellungen wie die Herausforderungen von Integration und interreligiösem Dialog, Fragen nach dem Verhältnis von Werten und Wirtschaft, Sicherheit und Freiheit, Bildung und Ausbildung(Theoretischer Hintergrund, Abschnitt 4) sowie Herausforderungen zur Gestaltung des Sozial- und Bildungswesens immer stärker die politische und öffentliche Debatte. Diese Fragestellungen betreffen zentrale Dimensionen von gesamtgesellschaftlicher und Tragweite: In ihnen liegen wesentliche Herausforderungen für die Gestaltung würdevoller, lebenswerter und verantwortlicher Gesellschafts- und Lebensverhältnisse.

Gleichwohl findet eine systematisch organisierte, zentral institutionalisierte und wissenschaftlich versierte Aufarbeitung dieser Fragefelder im Sinne einer ethischen Orientierung von Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern nur unzureichend statt. Die Folge davon ist, dass die sich verstärkende öffentliche Diskussion – in den Alltagsdebatten ebenso wie in der Medienberichterstattung und den Beiträgen von Verantwortungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – oftmals auf ungeklärter Grundlage erfolgen muss und daher in vielen Bereichen noch ungerichtet und unkonturiert verläuft.

Konsequenzen für die Errichtung einer Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur

Vor dem Hintergrund dieser Bedarfsanalyse bestimmt sich die Konzeption und das Anforderungsprofil der Akademie. Sie ist in formaler Hinsicht an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis bzw. Wissenschaft und Öffentlichkeit platziert und damit integrativ und partizipativ ausgerichtet: Von hier aus ergibt sich der Bezug zur Öffentlichen Kultur. (Theoretischer Hintergrund, Abschnitt 2)

Die integrative Ausrichtung der Akademie macht sich auf drei Ebenen geltend:

  • Forum gesellschaftlichen Austauschs: Zusammenführung verschiedener Gruppen des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens und damit Eröffnung von Schnittstellen öffentlicher Kultur
  • Theoriegeleitete Praxis: Zusammenführung unterschiedlicher Handlungs- und Wissensebenen, insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis von Theorie und Praxis bzw. von Orientierungs- und Anwendungswissen,
  • Diskurs und Partizipation: Vernetzung von wissenschaftlicher Kompetenz und öffentlicher Urteilsbildung.

In der Sache ist die Akademie auf ethische Zusammenhänge und Fragestellungen nicht primär im Bereich technologisch-naturwissenschaftlicher, sondern i.w.S. gesellschaftlicher Entwicklungen und Herausforderungen fokussiert. Sie ist in einem erweiterten Sinne sozialethisch  (Theoretischer Hintergrund, Abschnitt 3) orientiert und bewegt sich auf folgenden Gebieten:

  • Wirtschaft und Arbeit,
  • Politik und Gesellschaft,
  • Bildung und Kultur.