Out of Rosenheim
Thema: Irgendwo im Nirgendwo. Über Heimat und Fremde.
Einführung

"[...] Was bedeutet Heimat in ungeschminkter Form eigentlich wirklich, welche Rolle spielt sie für das Selbstverständnis von Menschen, und was begründet sie eigentlich? Ist Heimat ein geographisch lokalisierbarer Ort, ein Boden im konkreten Sinn? Wenn ja: Welcher Ort ist damit gemeint? Ist es der Ort der Herkunft: das Elternhaus, das Vaterland oder der kulturelle Herkunftsraum? Oder ist Heimat der Lebensort, also dort, wo die jeweils konkreten sozialen Lebensvollzüge stattfinden: das Wohnviertel, der Arbeitsplatz, der Verein, die Stammkneipe? Bedeutet Heimat Nähe, oder kann sie auch in der Ferne liegen – oder vielleicht sogar gerade dort? Scheint Heimat nicht gerade dann in das menschliche Leben, wenn sie in irgendeiner Weise verloren oder entfremdet scheint: in der Erinnerung an die vergangene Lebenszeit der Kindheit, in der Sehnsucht nach dem verlorenen Zuhause, im Vermissen vertrauter Abläufe und gewohnter Bilder und Gerüche?

Heimat – so sieht es aus – konturiert sich immer erst aus der Perspektive der Distanz und der Entfremdung: Es gibt anscheinend keine Heimat ohne Fremde, und wer je vollkommen zu Hause wäre, ginge seiner Heimat vielleicht dadurch, dass er so ganz und gar in ihr aufginge, ebenso wieder verlustig wie derjenige, der ganz und gar von ihr entfernt wäre. Heimat ist wohl etwas zwischen beidem: Sie steht und entsteht erst im menschlichen Dasein als einem schicksalhaften Dazwischen-Sein – irgendwo im Nirgendwo zwischen der gewissen, aber zugleich unwiederbringlichen Vergangenheit unserer Erinnerung und der ungewissen, aber zugleich hoffnungsvollen Verheißung unserer Zukunft; zwischen der Sehnsucht nach Ruhe spendendem Zuhausesein und dem Drang nach vorwärts strebendem Unterwegssein; zwischen ruhiger Selbstidentität und der beunruhigenden Fremdheit, die keimhaft in uns wohnt und gerade doch rätselhaft einen wesentlichen Teil unseres Selbst ausmacht.

Heimat zeigt sich in dieser Struktur nicht als ein statischer Ort, den man besitzen, einnehmen oder beanspruchen kann, sondern eher als ein Verhältnis zu einem solchen Ort: als Utopie, die sich rückwärtsgewandt auf das Vergangene beziehen kann und so Heimat in der Perspektive von Tradition und Herkunft erschließt, oder als Utopie, die sich als Aufbruch und Zukunftsvision versteht und Heimat so als Gestaltungsauftrag und Hoffnungsperspektive zur Geltung bringt. In diesem Sinne lässt sich Heimat niemals haben, sondern nur erstreben. Heimat bleibt wesenhaft immer in der Schwebe [...].

In dieser beständigen Entrückung von der sicheren Geborgenheit des Zuhausesein, das Heimat meint, liegt das Moment des Schmerzlichen, das unabdingbar mit Heimat verbunden ist. Aber in ihr liegt ebenso das Kostbare und Unentbehrliche des Heimatbegriffs, dessen die Moderne vielleicht weniger als irgendeine Zeit entraten kann. Denn wenn Heimat originär nie ein abschließend definierter Ort ist, aus dem man kommt oder den man besitzt, wenn Heimat als Weg und Ziel immer wieder neu erarbeitet und gestaltet werden muss, dann gewinnt sie in den modernen Lebensverhältnissen eine immer größere Bedeutung: Je stärker nämlich die moderne Gesellschaft durch die Auflösung von fest umrissenen Herkunftskulturen und Ortsbezügen geprägt ist, je unverbindlicher die Identitätsmuster tradierter Lebensverhältnisse werden, desto unvermeidlicher wird der Bezug zu Heimat, gerade weil sie als solche nicht von vornherein feststeht, sondern immer erst zu definieren ist. Heimat in diesem Sinne steht vor einer neuen, noch weithin unbegriffenen Renaissance: als Herausforderung, Identität und Zuhausesein gesellschaftlich und persönlich neu zu gestalten. Heimat als ein solcher unverzichtbarer Prozess, das eigene „Zuhause“ zu bestimmen, bedeutet aber nicht, das Fremde auszuschließen, sondern es im Gegenteil als Bestandteil seiner selbst anzunehmen und zu integrieren: Heimat im wohlverstandenen Sinne ist ein Begriff nicht der dogmatischen Abschottung und kulturellen Verschlossenheit, sondern ein im weitesten Sinne politischer, weil im gemeinsamen Aushandeln Identität stiftender Begriff der Toleranz."

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Informationen zum Film

„Out of Rosenheim", Deutschland/USA 1987

Regie: Percy AdlonDrehbuch: Eleonore u. Percy Adlon
Kamera: Bernd Heinl
Schnitt: Norbert Herzner
Musik: Bob Telson, Jevetta Steele (Titelsong)
Darsteller: Marianne Sägebrecht, CCH Pounder, Jack Palance, Christine Kaufmann u.a.

Out of Rosenheim erzählt die Geschichte der Jasmin Münchgstettner, die – gekleidet in Lodenkostüm und Trachtenhut – nach einem Streit mit Ihrem Mann völlig unvermittelt in einem winzigen, vergessenen Ödflecken am Rande der kalifornischen Mojave-Wüste auftaucht und dort in der einzig verfügbaren Unterkunft, dem von der resoluten Brenda geführten Motel „Bagdad Café“, Quartier bezieht. Das anfänglich von persönlichem Misstrauen sowie sprachlich-kulturellem Unverständnis geprägte Aufeinandertreffen der beiden eigentümlichen Frauen, die sich zunächst wie Wesen von einem anderen Stern begegnen, entwickelt sich bald zu einem unerwarteten Wendepunkt im Leben beider sowie aller Bewohner des verstaubten Motels.

Out of Rosenheim versteht es meisterhaft, zwischen den Genres der Komödie und des Dramas, des romantischen Märchens und der sozialen Fiktion, aber auch zwischen den Kategorien von Heimat und Fremde, Nähe und Ferne zu balancieren. Das Ergebnis ist ein ebenso humorvoller wie wunderbar feinfühliger „Heimatfilm“ ganz eigener Art, der aus der liebevoll-humanistischen Einstellung zu seinen Figuren die unwirtliche, nur scheinbar trostlose Szenerie des Wüstenmeilers in einen Hort der Toleranz, der Solidarität und des Mutes zu einem möglichen anderen Leben verwandelt.

Out of Rosenheim wurde bei der César-Verleihung 1989 in Paris als bester ausländischer Film ausgezeichnet und erhielt 1987 den Bayerischen Filmpreis in der Kategorie „Drehbuch“. Mit dem Titelsong „Calling You“ war der Film 1989 für den Oscar nominiert, zudem erhielt Marianne Sägebrecht für ihre Darstellung der Jasmin Münchgstettner den Preis als beste Hauptdarstellerin beim Deutschen Filmpreis 1988.


Bisherige Veranstaltungen
  • 24.02.2015, Kinok St. Gallen/CH.
    Teilnehmer: 84.
  • 06.02.2009, WOKI Bonn.
    Teilnehmer: 111.