In einer besseren Welt
Thema: Gewalt und Gerechtigkeit, Bedingungen der Lebbarkeit ethischer Prinzipien
Philosophische Einführung: Gerechte Gewalt? – Über den Unterschied von gerechter und gerechtfertigter Gewalt

"Gewalt hat – im Gegensatz zur Gerechtigkeit – ein schlechtes Image. Während Gerechtigkeit auf einen Ausgleich der Beteiligten zielt und damit die gegenseitigen Ansprüche aller als Gleiche unter Gleichen anerkennt (Reziprozität), so scheint Gewalt entgegen dem Gleichheitsprinzip auf Unterwerfung und damit auf eine einseitige Interessendurchsetzung hinauszulaufen. Gerechtigkeit – so scheint es – bildet einen Kreis, der alle Beteiligten einschließt und zugleich miteinander in Verbindung setzt; das Muster der Gewalt aber ist die Linie, die in eindimensionaler Ausrichtung von oben nach unten führt. Nach dieser Vorstellung ist Gerechtigkeit demnach der verbindende Modus der Gemeinschaft; der isolierende Kraftakt der Gewalt aber sprengt die Solidarität und führt in die Vereinzelung – in diejenige des Gewaltausübenden ebenso wie des Gewaltempfängers. Gerechtigkeit und Gewalt erscheinen auf diese Weise als Antipoden.

Bei näherem Hinsehen wird diese Entgegensetzung von Gewalt und Gerechtigkeit aber sehr schnell fraglich. So beruht etwa die uralte Idee der Rache – d.h. der mit Mitteln der Gewalt ausgeübten Vergeltung – gerade auf dem Gegenseitigkeitsprinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit: Der Gewaltakt der Rache ist keineswegs willkürlich und isoliert, sondern eingebunden in ein System wechselseitiger, am Gleichheitsprinzip orientierter Ansprüche, das zwischen dem Rächer, dem Gerächten und dem Berächten ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Beziehungsverhältnis stiftet – gerade dieser Umstand definiert den Unterschied zwischen dem Gewaltakt der Rache und demjenigen des Terrors. Das alttestamentarische, oftmals klischeehaft verzerrte „Zahn um Zahn, Auge um Auge“ (vgl. AT, Ex, 21,23–25)  ist folgerichtig nicht Ausdruck einer zügellosen Wildwest-Moral, sondern die Formel für eine konsequent durchgeführte, reziprok-egalitäre (d.h. auf Wechselseitigkeit und Gleichheit beruhende) Gerechtigkeitskonzeption.

Auf der anderen Seite zeigt sich: Die oftmals als Inbegriff der Gewaltlosigkeit zitierte Lehre der Bergpredigt „Wenn jemand dich auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die linke hin“ (vgl. NT, Mt 5,39) erfüllt das Reziprozitätsmerkmal der Gerechtigkeit offenkundig nicht: Zwischen dem Schläger und dem Geschlagenen herrscht hier gerade kein Verhältnis der Wechselseitigkeit und der Gleichbehandlung. Die Aufkündigung der Wechselbeziehung von Schläger und Geschlagenem und die damit verbundene Isolierung beider voneinander liegen dabei aber nicht etwa im Gewaltakt des Schlagens, sie werden nicht durch den Schläger herbeigeführt, sondern durch den Geschlagenen: Indem dieser gerade nicht zurückschlägt, verweigert er dem Schläger die Gleichbehandlung und verlässt den Boden der Wechselseitigkeit. Der in der Bergpredigt geforderte Verzicht auf Vergeltung und die Abkehr von der Maxime, es dem anderen „zurückzugeben“, erscheinen fol­gerichtig als „ungerecht“.

Damit ergibt sich ein irritierendes Bild, das eine Reihe ethischer Grundsatzfragen offenbart: Rache – so sieht es aus – ist durchaus gerecht, wenn und weil sie sich am Prinzip der Gleichheit und der Wechselseitigkeit orientiert; ist aber Rache – nur weil sie gerecht ist – deswegen auch gerechtfertigt? Ist Gerechtigkeit überhaupt ein hinreichendes Bestimmungsmerkmal dafür, was richtig und was falsch ist? Kann eine anerkanntermaßen gerechte Handlung trotzdem moralisch falsch sein – und wenn ja, auf der Grundlage welcher Kriterien? Anders formuliert: Muss alles, was gut ist, auch gerecht sein, und ist umgekehrt alles Gerechte notwendig auch gut? Wenn ja: Wie muss ein Begriff von Gerechtigkeit definiert sein, um diesem Anspruch zu genügen – wie ist er insbesondere vom Begriff des Guten abgegrenzt? Wenn nein: Was kann ungerechte Verhältnisse ethisch rechtfertigen – und wann sind umgekehrt „gerechtere“ gegenüber möglichen „besseren“ Zuständen ethisch zu bevorzugen? Welcher ethische Maßstab ist heranzuziehen, um zu entscheiden, ob die Anwendung von Gewalt moralisch gerechtfertigt ist, wenn diese Bewertung nicht allein nach Kriterien von Gerechtigkeit vorgenommen werden kann? Kann oder muss Gewalt auch dann, wenn sie gerecht erscheint, abgelehnt werden – wenn ja: Unter welchen Umständen und nach welchen Maßstäben? Kann es umgekehrt Fälle geben, in denen Gewalt selbst dann ethisch gerechtfertigt ist, wenn ihre Anwendung anerkanntermaßen ungerecht ist – zum Beispiel dann, wenn einzelne unbeteiligte Menschen durch Anwendung von berechtigten Gewaltmaßnahmen in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, um schlimmeres Übel für alle zu vermeiden?

[...] 

Tatsächlich geht aber diese Gerechtigkeitslogik der Gewalt – die im Kern eine Vergeltungslogik ist – an der primären ethischen Fragestellung nach der legitimen Gewalt vorbei: Demnach ist nämlich zu fragen, ob Gewalt überhaupt – an sich und absolut gesehen – ein möglicher Modus menschlicher Reziprozität (Wechselwirkung) und Bezugnahme sein soll. Verneint man dies, ist der Kreislauf der Vergeltung ethisch und rechtlich durchbrochen: Wer Gewalt anwendet, wird dann eben nicht mit reziproker Gewalt („Auge um Auge“) zu rechnen haben; dadurch, dass ich gewaltsam angegriffen werde, erwerbe ich von diesem Standpunkt aus weder einen moralischen noch einen rechtlichen Anspruch darauf, umgekehrt auch die angreifende Person gewaltsam zu attackieren – außer in der Situation unmittelbarer Gefahrenabwehr (Notwehr oder Nothilfe). Der Gewaltakt der Notwehr ist zwar gerechtfertigt (legitim),  aber eben nicht „gerecht“: Seine Legitimität beruht gerade nicht auf einem Konzept reziproker, d.h. gerechter Gewalt – im Sinne eines durch den Angriff gegen meine Person erworbenen Heimzahlungsanspruchs gegenüber dem Angreifer.

Ein solcher Standpunkt legitimer Gewalt erlaubt es dem Angegriffenen, die linke Wange (notfalls gewaltsam) zu verweigern, berechtigt ihn aber zugleich nicht, ohne Not zurückzuschlagen. Die legitime Gewalt steht also über und jenseits der gerechten Gewalt – sie zahlt auch und gerade  da, wo sie angewendet wird, nicht mit gleicher Münze heim, sondern sie verweigert die Anerkennung der Gewalt als Zahlungsmittel. Der Standpunkt der legitimen Gewalt steht aber auch jenseits eines absoluten Pazifismus: Er rechnet mit der Gewalt in der Welt, aber er verrechnet sie nicht.

Wenn Gewalt nur gerecht sein dürfte, lebten wir in einer schlechten Welt; weil Gewalt legitim sein kann, leben wir in einer besseren Welt; weil legitime Gewalt sein muss, leben wir nicht in der besten Welt."

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Der Film

Der Film „In einer besseren Welt“ der dänischen Regisseurin Susanne Bier bewegt sich in diesem Spannungsfeld: Er entfaltet die Möglichkeiten und die Abgründe, die Erfolge und das Scheitern von ethischen Idealen in einer immer gefährdeten „besseren Welt“, die von ihren Protagonisten in einem Schwebezustand zwischen der erlebbaren „schlechten Welt“ jederzeit drohender Gewalteskalation und der utopischen „besten Welt“ völliger Gewaltfreiheit gehalten wird.


Informationen zum Film

"In einer besseren Welt", Dänemark/Schweden 2010
[Originaltitel: "Hævnen" = dt. 'Rache']

Regie: Susanne Bier
Drehbuch: Anders Thomas Jensen
Produktion: Karen Bentzon
Darsteller: Trine Dyrholm, Mikael Persbrandt, Ulrich Thomsen, Kinderdarsteller:  William Jøhnk Nielsen, Markus Rygaard
Musik: Johan Söderqvist
Kamera: Morten Søborg
Schnitt: Pernille Bech Christensen, Morten Egholm
Länge:  117 Min.

Die 1960 geborene dänische Regisseurin Susanne Bier war bereits vor ihrem letzten Film "In einer besseren Welt" bekannt für ihre starken Beziehungs- und Familiendramen mit Zug zur Thematisierung zeitlos-allgemeingültiger Fragestellungen ("Open Hearts", "Brothers"). Filmisch gehörte sie zeitweise der Dogma-Bewegung an (hierzu siehe Einführung zu Philosophie im Kino XIII: Das Fest), was sich stilistisch – etwa in der nahen, handkameraartigen Bildführung – auch noch in ihrem aktuellen Film ausdrückt.

"In einer besseren Welt" hatte am 26.08.2010 Weltpremiere, am 17.03.2011 Deutschlandpremiere. Der Film wurde 2011 mit dem Golden Globe und dem Oscar ausdgezeichnet, jeweils in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film".

Bisherige Veranstaltungen
  • 02.03.2015, Harmonie Bonn.
    Teilnehmer: 133.
  • 26.04.2012, Kinok – Cinema in der Lokremise, St. Gallen/Schweiz.
    Teilnehmer: 45.
  • 13.07.2011, Rex Lichtspieltheater Bonn-Endenich.
    Teilnehmer: 90.
  • 27.04.2011, WOKI Bonn.
    Teilnehmer: 70.