Das Fest
Thema: Macht und Missbrauch. Über die Brüchigkeit gutbürgerlicher Sozialkonvention
Einführung

Der Film „Das Fest“ des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg zeigt die Geschehnisse während einer typischen gutbürgerlichen Feier, die eine dänische Familie aus Anlass des 60. Geburtstages des Familienoberhauptes in einem Landhotel veranstaltet. Während nach und nach die weit verstreut lebenden Verwandten und Freunde am Festort eintreffen, entfaltet sich zunächst eine ganz normale Situation, wie sie aus der eigenen Erfahrung mit familiären Feiern vielfach vertraut ist: Latente Anspannung und erwartungsvolle Erregung mischen sich mit Wiedersehensfreude und Gelingenssorgen; Verschiedenheiten der Temperamente und Erwartungshaltungen führen zu kleineren Differenzen und Stresssituationen, Rollenübernahmen und Gruppenbildungen innerhalb der Festgesellschaft bilden sich aus; echte Ausgelassenheit und inszenierte Heiterkeit gehen ineinander über.

Diese vertraute, gänzlich unverdächtige bürgerliche Szenerie erhält sich bis zu dem Moment, an dem der älteste Sohn des Jubilars das Glas zur ersten Tischrede erklingen lässt: Diese Rede, die eine ungeheuerliche und völlig unerwartete Enthüllung eines familiären Missbrauchs zum Gegenstand hat, entfesselt eine nicht mehr aufhaltbare Dynamik, durch die das Fest in den Sog eines immer brutaleren, von Vinterberg mit gnadenloser Konsequenz inszenierten seelischen und sozialen Machtkampfes um Wahrheit und Schuld gerät. Vor der verzweifelt aufrecht erhaltenen Fassade bürgerlicher Konvention und in immer krasserer Spannung zum Rahmen der Feierlichkeit entbrennt ein elementares Ringen um die Bestimmung von Opfern und Tätern, von Nestbeschmutzern und Ehrenleuten, von Lebenswahrheit und Lebenslüge – ein Austarieren unter sozialem Hochdruck, dessen Sprengkraft sich dem Umstand verdankt, dass es dabei um nichts weniger geht als das identitätsstiftende, gleichermaßen lebens- und gesellschaftstragende Fundament des bürgerlich-familiären Selbstverständnisses im Ganzen. 

„Das Fest“ beschreibt anhand eines hochaktuellen Themas nicht nur die potentielle Brüchigkeit (gut-)bürgerlicher Sozialkonvention und die sozialen Bedingungen innerfamiliären sexuellen Missbrauchs in sozialkritischer Hinsicht, sondern legt zugleich einen tiefer liegenden philosophischen Zusammenhang frei: das Spannungsfeld zwischen normativer und sozialer Bestimmung von Schuld und Vergehen, Wahrheit und Schein, Normalität und Perversion sowie die Abhängigkeit ihrer Definitionsmuster, Wahrnehmungsmöglichkeiten und Kommunizierbarkeit von Strukturen sozialer Macht.


Informationen zum Film

"Das Fest", Dänemark 1998

Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Thomas Vinterberg
Produktion: Birgitte Hald, Morten Kaufmann
Darsteller: Ulrich Thomsen, Henning Moritzen, Thomas Bo Larsen, Paprika Steen, Birthe Neumann, Trine Dyrholm, Helle Dolleris, Therese Glahn
Kamera: Anthony Dod Mantle
Schnitt: Valdís Óskarsdóttir
Länge:  101 Min.

Thomas Vinterbergs „Das Fest“ war zusammen mit „Die Idioten“ von Lars von Trier die erste Umsetzung des 1995 von beiden Jung-Regisseuren maßgeblich mitverfassten „Dogma“-Manifestes, das eine Revolution des Kinofilms einleitete. Die in ihm festgelegten 10 Grundregeln („Dogmen“) stellen eine Art filmisches Keuschheitsgelübde dar, das sich insbesondere gegen künstliche Verfremdungseffekte richtet: Sie sehen u.a. den Verzicht auf künstliche Beleuchtung sowie Spezial- und Filtereffekte vor, auch nachträglich eingespielte Filmmusik ist verboten. Gedreht werden darf ausschließlich auf Originalschauplätzen unter Verwendung von Handkameras, die der Bildgestaltung der „Dogma“-Filme eine besondere Unmittelbarkeit und eindringliche Authentizität verleihen. Da gemäß Regel 10 der Regisseur weder im Vor- noch im Abspann des Films genannt werden darf, tritt Thomas Vinterberg in „Das Fest“ in einer Nebenrolle als Taxifahrer auf.

„Das Fest“ des damals erst 28-jährigen Vinterberg verhalf dem „Dogma“-Programm zum Durchbruch und inspirierte zahlreiche junge Filmemacher – u.a. Hans Weingartner – zu eigenen Produktionen im Stile der „Dogma“-Programmatik. „Das Fest“ erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter 1998 den ‚Spezialpreis der Jury’ bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, im selben Jahr wurde Thomas Vinterberg beim Europäischen Filmpreis in der Kategorie ‚Europäische Entdeckung des Jahres’ ausgezeichnet. 2008 wurde der „Dogma“-Bewegung im Ganzen der Europäische Filmpreis in der Kategorie ‚Beste europäische Leistung im Weltkino’ zuerkannt.

Bisherige Veranstaltungen
  • 09.06.2010, WOKI Bonn.
    Teilnehmer: 70.