Free Rainer – Dein Fernseher lügt
Thema: Amüsieren wir uns zu Tode? Moderne Fernsehkultur im Spannungsfeld zwischen Unterhaltung und Bildung
Einführung
Die These, dass die modernen Massenmedien die Menschen entmündigen, manipulieren oder gar kontrollieren, ist so alt wie diese Medien selbst. Allerdings sind hier grundsätzlich zwei Zusammenhänge zu unterscheiden: Der eine betrifft totalitäre politische Verhältnisse, in denen gleichgeschaltete Medien gezielt und zentral gesteuert zur ideologischen Beeinflussung eingesetzt werden – in diesem Kontext steht etwa die Verbreitung des ersten, während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland eingeführten elektronischen Massenmediums, des Radio-„Volksempfängers“.

Der andere Zusammenhang, in dem auf die manipulative Macht der Medien hingewiesen wird, betrifft die moderne Unterhaltungsindustrie, für die der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Leitmassenmedium zentrale Bedeutung hat. Nach der Mitte der 80-er Jahre unternommenen Analyse des fernsehkritischen Medienwissenschaftlers Neil Postman droht der post-totalitären, von politischem Zwang befreiten Gesellschaft eine neue Art geistiger und kultureller Kontrolle – eine willig angenommene, vom Massenmedium Fernsehen vorangetriebene Gleichschaltung in der schönen neuen Welt der Spaßgesellschaft: „Wir amüsieren uns zu Tode“ (Buchtitel Postman).

Bis in heutige Debatten wird die Kultur des Fernsehens, insbesondere seit Aufkommen der kommerziellen Privatsender und der damit verbundenen Quotenorientierung, immer stärker in Gegensatz zu einer Kultur der Bildung und sozialen Lebensform gestellt: Gerichtsshows am Nachmittag, Trash-Shows am Abend und Love-Soaps dazwischen erscheinen vielen mittlerweile geradezu als Inbegriff einer kulturellen und geistigen Erosion, die Konsum statt Kultur, Amüsement statt Aufklärung, Verblödung statt Bildung hinterlässt.

Weingartners Film zeigt – beabsichtigt oder nicht, in ironischer Brechung oder visionärem Idealismus –, wie schwierig es ist, klare Grenzen zwischen Bildungsanspruch und Unterhaltungskommerz, zwischen Befreiung und Manipulation, zwischen „Oben“ und „Unten“ zu definieren. Und er zeigt auch, wie schmal der Grat sein kann, der den aufklärerischen Impuls der Befreiung von dem anmaßenden Anspruch auf Bevormundung trennt.

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Informationen zum Film

„Free Rainer”, Deutschland 2007

Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Hans Weingartner, Katharina Held
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Elsa Sophie Gambard, Milan Peschel, Gregor Bloéb, Simone Hanselmann u.a.

Nach dem großen internationalen Erfolg von „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004) wurde der im November 2007 gestartete neue Film „Free Rainer“ des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner mit Spannung vom Publikum erwartet. Weingartner erzählt darin die Geschichte des mit Trash-Formaten hoch erfolgreichen Fernsehproduzenten Rainer, der sich in Folge einer persönlichen Krise und inneren Wandlung daran macht, die Gesellschaft vom medialen Einfluss der quotenorientierten Unterhaltungsformate zu befreien und das Fernsehen als Instrument von Bildung und Lebenskultur umzufunktionieren. Zu diesem Zweck manipuliert er mit einer kleinen Gruppe von gesellschaftlichen Außenseitern gezielt die täglichen Einschaltquoten, bis sich die Sender gezwungen sehen, ihr Programm von Trash-Shows und flachen Unterhaltungsformaten auf Bildungs- und Kulturprogramme umzustellen.  

Weingartners Film, der sich in nicht immer klar erkennbarer Trennung zwischen Ironie und Utopie, zwischen revolutionärer Kulturkritik und romantisierender Sozialfiktion bewegt, zeichnet das Bild einer fernsehbefreiten und dadurch geistig-kulturell erneuerten Gesellschaft, die statt medialer Abstumpfung und Vereinzelung die Unmittelbarkeit menschlicher Zuwendung und sozialen Miteinanders wieder entdeckt.  


Bisherige Veranstaltungen

  • 08.02.2008, WOKI Bonn.
    Die Erstausgabe von "Philosophie im Kino III" erfolgte in Verbindung mit der Universität Bonn. Unter den 370 Zuschauern, die den bisherigen Besucherrekord einer Einzelveranstaltung der Reihe markieren, entwickelte sich dabei eine spannende und kontroverse Diskussion über den Einfluss des Massenmediums Fernsehens auf Gesellschaft und Kultur.