Gnade
Thema: Gnade und Sühne, Befreiung von der Schuld
Vergebung oder Vergeltung? Über die Befreiung von der Schuld.

"Schuld auf sich zu laden ist für ein menschliches Leben unver­meidlich – die Schuld ist die andere, dunkle Seite der Freiheit. Bereits das Alte Testament verknüpft die Idee der Erbsünde mit der Autonomisierung des Menschen: Die Verweisung Adams und Evas aus dem Paradies ist die Folge ihrer erwachenden Erkennt­nis- und Urteilsfähigkeit, mit dem Kosten von der Frucht des Baumes der Erkenntnis lernen sie zwischen Gut und Böse zu un­terscheiden und werden dadurch erst zu genuin menschlichen Wesen, die für ihre Handlungen Verantwortung übernehmen können und müssen. Schuld hat daher nicht nur eine moralische Dimension, sondern zugleich eine schicksalhafte: Auch der authentisch Rechtschaffene kann ihr – wie der Held der klassi­schen griechischen Tragödie – am Ende nicht entgehen. Die Frage nach der Erlösung von der Schuld ist daher ein Mensch­heitsthema, das nicht nur in die Bereiche von Recht und Ethik, sondern in die großen weltanschaulichen und religiösen Entwürfe eingegangen ist. Wie aber – wenn überhaupt – lässt sich die einmal entstandene, faktisch in der Welt stehende Schuld überwinden? Was ist mit Erlösung überhaupt gemeint: Lässt sich die Schuld selber als mo­ralisches Faktum gleichsam „auflösen“, d.h. in irgendeiner Form abbauen oder rückgängig machen? Oder aber bleibt die Schuld als solche irreversibel bestehen, so dass die Erlösung – wenn sie überhaupt nur möglich ist – lediglich die Bindung des Schuldigen an die Schuld auflöst, nicht aber diese selbst? [...] Wer ist autorisiert oder berechtigt, von der Schuld zu erlösen? Kann dies der Schuldige selber leisten, ist es also möglich, sich selbst zu „ent-schuldigen“, wie wir es in der Alltagspraxis nahezu täglich tun? Aber ist der Gedanke, sich selbst von der Schuld erlösen zu können, nicht die Idee einer an­maßenden, überheblichen Selbst-Absolution? Oder ist die Möglichkeit der Ent-Schuld(ig)ung den Opfern, also den durch die schuldhafte Tat Geschädigten, vorbehalten? Aber könnte nicht die Schuld – entweder eine bestimmte Art von Schuld, oder sogar die Schuld im Allgemeinen – selbst dann, wenn sie dem Täter vom Opfer verziehen wurde, dennoch be­stehen bleiben? Könnte es also sein, dass auch das Opfer bei bestem Willen nicht autorisiert und in der Lage ist, von der Schuld zu erlösen? Ist es überhaupt am Verzeihenden, den Schuldigen von einer objektiven Last zu befreien, die er sich selbst erschaffen hat? Oder bedarf es hierfür einer dritten Instanz jenseits von Opfer und Täter – etwa einer objektiven Gerichtsinstanz, die den Schuld- als auch den Freispruch bewusst ohne Ansehen der Per­son des Täters, aber auch unabhängig von der Betroffenheitsper­spektive der Opfer behandelt? Kann aber überhaupt eine „Ent-Schuldigung“ als Akt einer Willensbekundung oder eines subjek­tiven Ent­schlusses erfolgen – oder hat die Schuld gleichsam ein Eigenge­wicht, eine Objektivität, deren Eigenständigkeit sich so­wohl von Opfer und Täter, aber auch vom Richter emanzipiert und sich da­her grundsätzlich nicht durch einen Spruch gleichsam in Luft auf­lösen lässt?"

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)

Informationen zum Film

"Gnade", Deutschland/Norwegen 2012.

Regie: Matthias Glasner
Drehbuch: Kim Fupz Aakeson
Darsteller: Kristine Knudsen, Matthias Glasner, Andreas Born, Aage Aaberge u.a.
Musik: Homesweethome
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Schnitt: Heike Gnida
Länge: 131 Minuten

"Gnade" ist ein Kinofilm des deutschen Regisseurs und Filmproduzenten Matthias Glasner. Seine Werke drehen sich vornehmlich um das Thema der Schuld, wobei Glasner in schonungslos ob­jektivierender Weise die Psychogramme der Täter zeichnet, ohne selbst moralisch Stellung zu beziehen. Die schneidende, mitunter zumutende Kälte dieses sezie­renden cineastischen Blicks spiegelt sich auch im Schauplatz seines Erlösungsdramas Gnade aus dem Jahr 2012, den Glasner in die eisigen, erstarrten und in ihrer stahlblauen Un­nahbarkeit zugleich wunderschönen Gefilde der norwegi­schen Winterlandschaft verlegt. Gnade handelt vom Alb­druck der ungesühnten Tat – und von der verzweifelten Su­che nach Erlösung, die das Leben des deutschen Auswande­rer-Ehepaars Maria (Birgit Minichmayr) und Niels (Jürgen Vogel) von einem Moment auf den anderen durchdringt und dominiert.

  • 05.04.2016, Kinok – Cinema in der Lokremise, St. Gallen/Schweiz (Premiere).
    Teilnehmer: 75.
  • 19.09.2016, Harmonie Bonn.
    Teilnehmer: 102.