Jerichow
Thema: Geld und Liebe
Einführung

"Geld und Liebe – so scheint es – sind schwer kompatibel. Wer zwischen Geld und Liebe steht, muss sich demnach für eines von beiden entscheiden: Geld oder Liebe, wie be­reits die gleichnamige, von Jürgen von der Lippe moderierte  deutsche TV-Kultshow der 1990er-Jahre suggerierte. Die Ver­kupplung von Geld und Liebe hingegen ist stets umweht vom Hauch des Anrüchigen: Als romantisches Ideal gilt weithin die reine Liebesbeziehung ohne Ansehen von Vermögen und Status; als obszön gilt umgekehrt die reine Geldheirat, von den Medien stilisiert und öffentlich angeprangert etwa in der Per­son des US-Playmates Anna Nicole Smith, die 1995 im Alter von 26 Jahren den damals 89-jährigen Milliardär James Howard Marshall heiratete und nach dem bereits im Folgejahr erfolg­ten Tod ihres Mannes in einen erbittert geführten Erb­schafts­streit mit dessen Familie eintrat. Warum ist das aber so, und vor allem: Was rechtfertigt eigentlich diese Bewertung? Was ist der Grund für die weithin empfundene Anstößigkeit, wenn zwischen­menschliche Nahbeziehungen über materielle Inte­ressen defi­niert werden? Und warum – wenn überhaupt – sollte dem gegen­über eine menschliche Nahbeziehung, die sich über Liebe definiert, moralisch besser sein? Warum gilt generell die Liebe zum Geld als Laster, aber die Liebe, die den Preis der Armut – und am Ende gar jeden Preis – zu zahlen bereit ist, als Ideal? Ist es wirklich in jedem Fall, d.h. prinzipiell verwerflich, eine Liebesbeziehung deswegen zu beenden oder abzulehnen, weil sie mit prekären materiellen Lebensperspek­tiven verbun­den ist? Und kann es nicht durchaus vernünftig sein, die Part­nerwahl auch daran zu knüpfen, welche äußeren Lebensbe­dingungen jeweils mit dieser Wahl verbunden sind? Oder verbietet die wahre Liebe ein solches materialistisches Kalkül grundsätzlich? Gibt es eine in diesem Sinne wahre bzw. reine Liebe überhaupt, und wenn ja: Ist sie überhaupt anzu­streben, oder muss sie in ihrem Unbedingtheitsanspruch am Ende Menschen, die immer in bedingten Verhältnissen leben, über­fordern? Ist die wahre Liebe vielleicht am Ende jene, die auch lebbar und damit selbst eine bedingte ist?"

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)

Informationen zum Film

Jerichow", D 2008

Regie:Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
Schnitt: Bettina Böhler
Musik: Stefan Will
Produktion: Florian Körner von Gustorf, Michael Weber
Darsteller: Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer u.a.
Länge: 93 Minuten.

Nach der unehrenhaften Entlassung aus dem Militärdienst und dem Tod seiner Mutter kehrt Thomas (Benno Fürmann) nach Jerichow, dem Ort seiner Kindheit, zurück. In völliger Mittel- und Orientierungslosigkeit, die sich in der ebenso be­drückenden wie beeindruckenden Verlassenheit deutscher Ostsee-Provinz spiegelt, trifft er auf die junge und attraktive Laura (Nina Hoss), die, um ihrer aussichtslosen finanziellen Situation zu entkommen, den cholerischen Imbissket­tenin­haber Ali (Hilmi Sözer) geheiratet hat. Alle drei Protago­nis­ten, die jeweils auf ihre Weise vergeblich versuchen, ei­nen Aus­weg aus sozialer Isolation, innerer Leere und äuße­rer Ein­samkeit zu finden, verstricken sich in ein immer ver­wickelte­res Geflecht von Liebes- und Geldbanden – eine Ver­strickung, die schließlich nur durch eine radikale Lösung entwirrbar scheint.In seinem Film Jerichow entwickelt der deutsche Regisseur Christian Petzold dabei nicht nur ein Beziehungsdrama, das zentral um das Verhältnis von Geld, Liebe und innerer Hei­matlosigkeit kreist, sondern platziert dieses auch in den Kon­text der ostdeutschen Nach-Wende-Zeit: eine Zeit, in der das Versprechen von den „blühenden Landschaften“ längst der Perspektivlosigkeit ökonomischer und sozialer Entwur­zelung gewichen ist. Vom kapitalistischen Traum bleibt der Prota­gonistin Laura schließlich nur die resignierte Erkenntnis, dass man „nicht lieben kann ohne Geld“.

Bisherige Veranstaltungen
  • 24.09.2014, Kinok, St. Gallen/Schweiz.
    Teilnehmer: 95 (ausverkauft).
  • 18.11.2009, WOKI Bonn.
    Teilnehmer: 100.