Muxmäuschenstill
Thema: Zivilcourage oder Tugendterror? Bürgerliches Engagement zwischen Recht und Moral
Einführung

"[...] Der moralische Zustand einer Gesellschaft, die mehrheitlich wegschaut, wenn in der U-Bahn ein Wehrloser bepöbelt wird, die lieber weghört, wenn aus der Nachbarwohnung Misshandlung und Gewalt herüberschallen, gefährdet eine freiheitlich-rechtsstaatliche Ordnung ebenso wie der eigenmächtige Versuch der Bürger, am Staat vorbei auf eigene Faust – als Sheriff von eigenen Gnaden – für Ordnung, Recht und Sittlichkeit zu sorgen.

Wo verlaufen aber die Grenzen einer solchen anmaßenden Selbstjustiz zu einer moralisch wünschenswerten – aber rechtlich nicht einklagbaren – Zivilcourage einerseits und zu einer rechtlich geschützten Nothilfe bzw. Notwehr andererseits? Wann kippen im sozialen Nahbereich das anteilnehmende Hinhören und die engagierte Aufmerksamkeit um in Bespitzelung und aufdringliche Einmischung? Unter welchen Umständen ist auf gesamtpolitischer Ebene ziviler Ungehorsam oder gar gewaltsamer Widerstand gegen staatliche Instanzen – im Extremfall gar der Tyrannenmord – moralisch legitimiert?

Hinter diesen objektiven Abgrenzungsfragen, die sich in Grenzfällen in einem Zwischenfeld fließender Übergänge bewegen können, kommt noch ein anderes, subjektives Problem zum Vorschein: das prekäre Verhältnis von individuellem Moralempfinden und überindividuellem Recht. Wie schwerwiegend, ja teilweise kaum erträglich in Einzelfällen der Konflikt zwischen subjektivem moralischem Empfinden und objektivem Recht sein kann, zeigt sich immer wieder, wenn ein moralisch dringend gebotenes Motiv der Hilfeleistung in Widerspruch zu rechtlichen Schutzansprüchen anderer gerät: So wie im berühmten Fall des Polizisten Daschner, der, um in vermeintlich lebensrettender Mission die Preisgabe des Verstecks des Entführungsopfers Jakob v. Metzler zu erzwingen, dem gefassten Entführer Markus Gäfgen rechtswidrig Gewalt androhte und hierfür später gerichtlich verurteilt wurde.

Gerade bei verabscheuungswürdigen Kriminaldelikten besteht die Versuchung, im Affekt einer subjektiv nachvollziehbaren, aber gleichwohl nicht verallgemeinerungsfähigen moralischen Empörung das Recht der Täter in Frage zu stellen. Der Standpunkt der moralischen Empfindung führt hier aber in ein ethisch-rechtliches Dilemma: Denn überschreitet die subjektive Moral einmal – und sei es in bester Absicht – die Grenzlinie zum objektiven Recht, droht sie selbst zum unhaltbaren Unrechtsstandpunkt zu mutieren. Der Rechtsstandpunkt aber führt umgekehrt in ein Dilemma der moralischen Empfindung: Denn er gebietet unbedingt, auch denjenigen, der Bestialisches getan hat, nicht als Bestie, sondern als würdevollen Menschen zu behandeln – ja er bewährt sich gerade erst dann und darin, dass er auch in Momenten höchster moralischer Empörung weiter ge- und ertragen wird [...]."

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Informationen zum Film

„Muxmäuschenstill“, Deutschland 2004

Regie: Marcus Mittermeier
Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg
Kamera: David Hoffmann
Schnitt: Sarah Clara Weber
Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Fritz Roth, Wanda Perdelwitz, Joachim Kretzer 
                 
Muxmäuschenstill ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs Marcus Mittermeier, des Kameramanns David Hoffmann und der damals noch vor dem Vordiplom stehenden Schnittstudentin Sarah Clara Weber als Cutterin: in nur 25 Tagen mit einem Gesamtbudget von gerade einmal 40.000 € hauptsächlich mit Laiendarstellern abgedreht, avancierte der Film bald nach Erscheinen zum großen Überraschungserfolg des deutschen Kinos.  

Muxmäuschenstill erzählt die Geschichte des selbsternannten Weltverbesserers Mux, der – mit Immanuel Kants Moralphilosophie auf dem Nachttisch und im Rahmen einer eigens gegründeten „Gesellschaft für Gemeinsinnpflege“ – loszieht, um in den Straßen Berlins einen missionarischen Moralfeldzug gegen die von ihm wahrgenommene Sittenverderbnis in der modernen Gesellschaft zu unternehmen. Besessen von seiner moralistischen, aber zugleich auch selbstsüchtigen Weltsicht, verstrickt er sich in seinem Kreuzzug gegen Kriminelle, Sittenstrolche, Schwimmbadpinkler und Autoraser immer mehr in einen Terror der Tugendhaftigkeit, der bald die Grenze zwischen Zivilcourage und Selbstjustiz überschreitet und schließlich in eine tödliche Logik der (Selbst-)Vernichtung mündet.

Muxmäuschenstill gewann auf Anhieb vier Preise beim Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken 2004 (Max-Ophüls-Preis, Publikumspreis, Drehbuch, Preis der Schülerjury). Beim Deutschen Filmpreis 2004 gewann er in der Kategorie „Bester Schnitt“ und wurde in den Kategorien „Bester Film“ und „Bester Nebendarsteller“ (Fritz Roth als „Gerd“) nominiert.

Weitere Informationen auf der Film -Homepage:
www.mux-braucht-dich.de  


Bisherige Veranstaltungen

  • 25.04.2016, Harmonie Bon.
    Teilnehmer: 108.
  • 21.03.2013, Kinok – Cinema in der Lokremise, St. Gallen/Schweiz.
    Teilnehmer: 53.
  • 14.11.2008, WOKI Bonn.
    Teilnehmer: 146.