Oh Boy
Thema: Sinn und Nutzen, das glückliche Leben
Philosophische Einführung: Sinn oder Nutzen? – Über das glückliche Leben und den Terror der Lebenslücke

"Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist fast schon zu einem philosophischen Klischee geworden. Ironisch gebrochen erscheint sie etwa in Douglas Adams Roman Per Anhalter durch die Galaxis, in dem eine fiktive Spezies hochintelligenter Wesen einen Super­computer namens Deep Thought auf diese „ultimative Frage“ ansetzt – und nach mehreren Millionen Jahren Rechenzeit die Antwort erhält. Sie lautet: „42“. In der offenkundigen Absurdität dieser Antwort drückt sich aber mehr aus als nur eine  oberflächliche Groteske. Vielmehr lenkt sie den Blick auf das tiefere Wesen der zu beantwortenden Frage selbst: Warum kann denn der Sinn des Lebens nicht mit einer Zahl beziffert werden? Anscheinend ist der Sinn des Lebens – wenn überhaupt – nur qualitativ, nicht aber quantitativ (d.h. als Größen­ordnung) zu definieren. Die Frage nach dem Sinn  stellt sich damit aber quer zu einem spezifisch westlich-modernen Denkschema, wonach im Wortsinn nur zählt, was sich mathematisch beschrei­ben, eben in Zahlen ausdrücken lässt. In dem Maße aber, wie  nur noch Bezifferbares als real und valide angesehen wird,  gerät die Frage nach dem Sinn zunehmend und in doppelter Bedeutung aus dem Sinn der modernen Lebens- und Bewusstseinshaltung. Stattdessen wird die Frage nach dem Sinn zunehmend verdrängt und ersetzt durch eine andere Frage, die sich als neues oberstes Richtmaß für ein gelungenes Leben etabliert hat: Die Frage nach dem Nutzen. Wer Rechenschaft über sein Leben und Handeln – zum Beispiel bei der Berufswahl – ablegen soll, wird in der Regel nach dem Nutzenpotential seiner Entscheidungen befragt. So wird nahezu jeder junge Mensch, der sich entschließt, sein Leben der Philosophie, der Kunst oder Dichtung zu widmen, die berüchtigte Smalltalk-Situation kennen, in der er von den Umstehenden zu­meist kopfschüttelnd gefragt wird: „Ja, und was machst Du dann damit?“ Nicht, dass eine solche Frage nach dem Anwendungs- oder Verwertungsnutzen irrelevant für das menschliche Leben wäre: Wenn aber der Nutzen als alleiniger Maßstab für die richtige Lebensentscheidung genommen wird, dann kommt es zu einer schwerwiegenden Verwechslung: Dann wird die Nützlichkeit selbst zur Sinndimension erhoben. Nutzen kann Sinn aber nicht ersetzen, und vor allem kann der Nutzen selbst nicht sinnstiftend sein. Die jüdisch-deutsche Philoso­phin Hannah Arendt hat diesen Zusammenhang treffend in einer schlichten Frage ausgedrückt, um die für die moderne Geisteshal­tung charakteristische Ermächtigung des Nutzendenkens zur
höchsten Wertkategorie zu entlarven: „Was ist der Nutzen des Nutzens?“ Der Nutzen ist an sich selbst nicht nützlich, er kann dies vielmehr  nur sein vor einem vorgängigen Sinnhintergrund, der den Maßstab dafür liefert, wofür etwas nützlich ist.

[...]

Egal wie der Lebenssinn jeweils individuell bestimmt wird: Niemand wird das Streben nach größtmöglicher Effektivität oder Nutzenmaximierung als Sinn seines Lebens anse­hen. Der Sinn des Lebens – worin immer er im Konkreten bestehen mag – ist nicht instrumenteller Natur, sondern der Zweck, auf den hin Menschen ihr Leben orientie­ren: Im Streben nach einem Zweck, den wir als in sich selbst wertvoll ansehen und den wir daher um seiner selbst willen er­reichen wollen, wird menschliches Leben sinnvoll. Genau in ei­nem solchen Streben besteht aber nach der alten Bestimmung des Aristoteles zugleich das Glück: Jeder Mensch strebt nach dem Glück, aber das glückliche, gelungene Leben ist nur zu er­reichen, wenn man ein sinnvolles Leben lebt. Herauszufinden, worin genau dieser Sinn besteht, wo jene Zweckbestimmung liegt, die dem eigenen Leben Richtung gibt und den Menschen zu sich selbst bringt, darin besteht die Heraus­forderung und Kunst jeder einzelnen Lebensführung – mit immer offenem Ausgang."

(Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)

Informationen zum Film

"Oh Boy", Deutschland 2012

Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Produktion: Marcos Kantis, Alexander Wadouh
Darsteller: Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Justus v. Dohnány, Arnd Klawitter, Ulrich Noethen, Michael Gwisdek u.a.
Musik: The Major Minors
Kamera: Philipp Kirsamer
Schnitt: Anja Siemens
Länge: 83 Minuten

Oh Boy ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs Jan-Ole Gerster, das im Sommer 2010 gedreht wurde und auf dem Filmfest München im Juli 2012 seine von Publikum und Kritik hochgelobte Premiere feierte. Der Film ist eine wundervolle, melancholische und nach­denkliche Großstadtparabel über den Sinn des Lebens – und zugleich ein gegenüber sich selbst kritisch bleibender Gegenentwurf zu einer ausschließlich am Leistungs- und Nutzendenken orientierten Lebensführung.

Bisherige Veranstaltungen
  • 12.03.2014, Kinok – Cinema in der Lokremise, St. Gallen/Schweiz.
    Teilnehmer: 61.