Phoenix
Thema: Auschwitz und die Vernichtung der Individualität

Philosophische Einführung: Verbrechen und Vernichtung – Auschwitz und die Auslöschung der Person

"Wer Auschwitz – Symbol und Inbegriff totalitären Vernichtungs­geistes – zum Gegenstand einer Erörterung wählt, ringt mit den Worten. Eine eigenartige Aura von Sprachlosigkeit und verbaler Erstickung, die übrigens kennzeichnend auch für die Überleben­den der Lager nach ihrer Befreiung war und vielfach bis heute ist, liegt über der Thematik. Dies hat nicht nur, vielleicht nicht einmal primär mit der schier unfassbaren Größe des Verbrechens zu tun, das im System der Vernichtungslager zu einem bis dato für nicht möglich gehaltenen historischen Fakt geworden ist, sondern geht noch darüber hinaus: Nicht die historisch unvergleichliche Größe, also die Quantität, sondern das Wesen, die neue Qualität des Verbrechens, das sich in den Vernichtungslagern ausdrückt, be­gründet dessen wortsinnliche Unfassbarkeit. Das Geschehen von Auschwitz entzieht sich herkömmlichen moralischen und ratio­nalen Kategorien: Im Grunde ist selbst der Begriff des Verbre­chens – ohne die offensichtliche verbrecherische Seite des Geschehens in irgendeiner Weise absprechen oder relativieren zu wollen – für seine Beschreibung unangemessen.

[...]

In eben diesem Sinne ist das Geschehen von Auschwitz, wenn es sich überhaupt adäquat in der Kategorie des Verbrechens – etwa derjenigen des Massenmordes – in seiner ganzen Trag­weite beschreiben lässt, ein absolutes, eben totales Verbrechen, das dem Geist totalitärer Beherrschung entspricht: Es geht in ihm um die Vernichtung als solche. Die Vernichtung dient dabei kei­nem spezifischen Zweck mehr – sie wird zum totalen Selbst­zweck, dem sich am Ende selbst die physische Ermordung in den Gaskammern noch unterordnet: Nicht primär die Vernichtung des biologischen Lebens, sondern noch darüber hinaus die Vernich­tung der individuellen Personalität ist das Ziel totalitärer Herr­schaft, die in Auschwitz ihren idealtypischen Ausdruck findet.
Wie die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt überzeu­gend dargestellt hat, ist die kalte, emotionsfrei betriebene Ma­schinerie des KZ nichts anderes als das Laboratorium und der Musterbetrieb zur Etablie­rung des totalitären Gesellschaftsideals, der Entkernung des „Jemand“ zum „Niemand“ und dessen Einschmelzung in eine unterschiedslose Masse, die keine Individuation mehr kennt, kein persönliches Handeln, sondern nur noch kollektives Verhalten.

Diese Art der Vernichtung – die furchtbarste und unmensch­lichste, die überhaupt vorstellbar ist: eine Vernichtung, die sich gleichsam nicht mit der biologischen Tötung (dem physischen Mord) begnügt, sondern darüber hinaus die Auslöschung des eigentlich Menschlichen im Menschen, seiner einzigartigen Indi­vidualität, die in der immer spezifischen und dadurch unendlich wertvollen personalen Identität zum Ausdruck kommt, intendiert – diese Art der Vernichtung steht selbst noch jenseits der Grenze von Leben und Tod, ja sie löst diese Grenze auf: Denn die personale Entkernung von Menschen, die komplett auf ihre biologische Lebensfunktion reduziert und damit wesenhaft entmenschlicht werden, hinter­lässt nicht Lebende, sondern allenfalls Untote, geisterhafte, sprach- und handlungsunfähige Hüllen, zu bloßen Objekten tota­ler Beherrschung degeneriert." (Auszug aus der Programmbroschüre. Ganztext im Download-Bereich unten.)


Informationen zum Film

"Phoenix", Deutschland 2014

Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki
Darsteller: Nina Hoss (als Nelly), Ronald Zehrfeld (als Johnny), Nina Kunzendorf (als Lene) u.a.
Musik: Stefan Will
Kamera: Hans Fromm
Schnitt: Bettina Böhler
Länge: 98 Minuten

Phoenix ist der siebte Kinofilm des deutschen Regisseurs Christian Petzold. Wie viele seiner Vorgängerwerke verlegt Petzold auch Phoenix in den Zwischenbereich von Leben und Tod – diesmal im Kontext der wohl schrecklichsten Di­mension, in der dieser Zwischenbereich jemals geschichtli­che Gestalt angenommen hat: der Vernichtungsmaschinerie der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Bisherige Veranstaltungen
  • 22.04.2015, Kinok – Cinema in der Lokremise, St. Gallen/Schweiz (Premiere).
    Teilnehmer: 45.