Philosophie der Heimat
Die neue Staffel öffentlich-akademischer Kolloquien befasst sich mit dem Thema Heimat. Beginn der Kolloquien: 31.10.2008, jeweils wöchentlich freitags von 16-18 Uhr, in Hörsaal 1 der Universität. Gäste sind diesmal: Charlotte Knobloch (Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland), Gerhart R. Baum (Bundesinnenminister a.D. und ehem. UN-Sonderbeuftragter), Prof. Dr. Rita Süssmuth (Bundestagspräsidentin a.D.), Dr. Conrad Schetter (Geograph und Politikberater), Andreas Tyrock (Chefredakteur Bonner Generalanzeiger).

Motto

„Das Grundthema der Philosophie, die bleibt und ist, indem sie wird, ist die noch ungewordene, noch ungelungene Heimat.“
(Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung)

„Heimat schenkt nur Religion. Wer nach Hause will, in die Heimat, in die Geborgen­heit, muß sich dem Glauben zum Opfer bringen. Wer es aber mit dem Geist hält, kehrt nicht zurück.“
(Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch)

Teilnahme und Begleitheft

Begleitheft zum Kolloquium "Heimat"

Teilnahme:
Zu allen Veranstaltungen sind sowohl Studierende aller Fachbereiche als auch die interessierte Öffentlichkeit sowie Medienvertreter herzlich eingeladen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Veranstaltungsort und -zeit:
Universität Bonn, Hauptgebäude, Am Hof 1, 53113 Bonn. Hörsaal I (Ausnahme: 14.11.08). 13 Kolloquien, jeweils freitags, 16-18 Uhr (Ausnahme: 15.01.09). Beginn: 31.10.08. Ende: 06.02.09.

Begleitheft:
Zur Veranstaltung ist ein ausführliches Begleitheft erhältlich und kann über die Akademie bezogen werden.


Veranstalter/Förderer:
Projektreihe der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur i.V.m. dem Institut für Philosophie der Universität Bonn, gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf.

Presseschau

Bonner Generalanzeiger, 28.10.08

Rheinische Post, 01.11.08

Programm

 
Eröffnung – 31.10.08:
Heimat: Dimensionen eines verschütteten Grundbegriffs
Einführung in die Thematik: Differenzierung des Heimatbegriffs, Zusammenhang der philosophischen, gesellschaftlichen u. politischen Bezüge von Heimat
Leitung: Dr. Martin Booms

2. Sitzung – 07.11.08:           
Heimat und Vertreibung – Kulturphilosophische Grundlegung
Themenschwerpunkt: Ist der Mensch ein konstitutiv vertriebenes Wesen?Grundlage: Genesis, Altes Testament.
Leitung: Dr. Martin Booms

3. Sitzung – 14.11.08:           
Heimat und Mensch – Anthropologische Grundlegung
Themenschwerpunkt: Selbst- und Fremdheit als anthropologische Struktur
Grundlage: Helmuth Plessner, Exzentrische Positionalität des Menschen und anthropologische Gesetze
Leitung: Dr. Martin Booms

4. Sitzung 21.11.08:           
Heimat und Utopie – Anthropologische Grundlegung II
Themenschwerpunkt: Die zweite Heimat und der utopische Standort
Grundlage: Helmuth Plessner, Utopischer Standort; Ernst Bloch, Prinzip Hoffung
Leitung: Dr. Martin Booms

5. Sitzung – 28.11.08:           
Heimat und Recht – Rechtsphilosophische Grundlegung
Grundlage: Hannah Arendt, Aporien der Menschenrechte (Totalitarismus-Studie)
Leitung: Dr. Martin Booms

6. Sitzung – 05.12.08:           
Gibt es ein (Menschen-)Recht auf Heimat“?
Gastreferent: Gerhart R. Baum, Bundesinnenminister a.D.
Einführung und Moderation: Dr. Martin Booms

7. Sitzung – 12.12.08:           
Heimat und Welthabe – Politisch-philosophische Grundlegung
Themenschwerpunkt: Welthabe/-verlust und Globalisierung
Grundlage: Hannah Arendt, Vita activa: Beständigkeit der Welt und Weltentfremdung
Leitung: Dr. Martin Booms 

8. Sitzung – 19.12.08:           
Heimat und Ökonomie – Ökonomisch-philosophische Grundlegung I
Themenschwerpunkt: Heimat als ideelle Kategorie im Kontext ökonomischer Umwälzungen
Grundlage: Hannah Arendt, Konsumentengesellschaft und Entweltlichung der Gegenstände; Karl Marx: Warencharakter des Menschen und die Verkehrung der Welt.
Leitung: Dr. Martin Booms

WEIHNACHTSPAUSE

9. Sitzung – 09.01.09:           
Heimat und Arbeit – Ökonomisch-philosophische Grundlegung II
Themenschwerpunkt: Entfremdung und Identität in der Arbeit.
Grundlage: Karl Marx, entfremdete Arbeit.                                              
Leitung: Dr. Martin Booms            

10. Sitzung – 15.01.09 (Achtung: Termin am Do):
Heimat und Identität – Jüdisches Selbstverständnis in Deutschland
Gastreferentin: Charlotte Knobloch, Präsidentin Zentralrat der Juden in Deutschland
Einführung und Moderation: Dr. Martin Booms

11. Sitzung – 23.01.09: 
Heimat und Fremde – Blickfeld Integration
Gastreferentin: Prof. Dr. Rita Süssmuth
Einführung und Moderation: Dr. Martin Booms

12. Sitzung – 30.01.09:
Heimat und Raum – „Die Macht des Raumes“
Themenschwerpunkt: Lebensweltliche und politische Dimensionen des Raumes, Räumliche Heimataspekte im Kontext von Migration und ethnischem Selbstverständnis.
Gastreferent: Dr. Conrad Schetter, Geograph und Politikberater, Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF)
Einführung und Moderation: Dr. Martin Booms

13. Sitzung – 06.02.09:            
Podiendiskussion „Was heißt und wo ist Heimat?“  
Themenschwerpunkt: Heimat als regionale Kategorie in einer globalen Welt.
Gastreferenten: Andreas Tyrock, Chefredakteur Bonner Generalanzeiger; Gabi Ludwig, Chefredakteurin WDR-Fernsehen, Regionalprogramme NRW; Coletta Manemann, Integrationsbeauftragte der Stadt Bonn.
Einführung und Moderation: Dr. Martin Booms

im Anschluss:

Abschlussabend „Philosophie im Kino: Heimatliche Fremde“

Filmgrundlage: Out of Rosenheim, 19.30 Uhr im WOKI Bonn, Bertha-v.-Suttner-Platz 1–7, 53113 Bonn.
Leitung und Moderation: Dr. Martin Booms

Inhaltliche Einführung

Heimat ist nicht nur in der philosophischen Diskussion eine vielfach verschüttete Kategorie. Heimat ist überlagert von emotionalen Schichten, die sich um etwas legen, das kaum jemand kennt, obwohl jeder in irgendeiner Form Heimat – nicht notwendig ist. Heimat erscheint daher häufig als Zerrbild: als kulturelle Karikatur ihrer selbst in der ästhetischen Verkitschung des bergig-tannenbestandenen Landschaftsidylls oder am Bachlauf im lieblichen Wiesental, aber auch in der Fratze politischer Vereinnahmung als Maske kollektiver Identität, die sich hauptsächlich definiert über die bedrohliche Wendung gegen diejenigen, die sie als fremd ausweist. Aber noch in diesen affektiv beladenen Zerrformen scheint eine Struktur auf, die für Heimat wesentlich ist: Denn Heimat erschließt sich im Wesentlichen über das, was sie nicht ist. Was Heimat ist, wird fassbar erst in dem, was sie sein könnte oder in dem, was sie nicht mehr ist:Heimat ist nur zu haben im Modus der Utopie oder des Verlustes, sie ist auf eigenartige Weiseungegenwärtig als selbst flüchtiges Verhältnis zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Siebegründet darin zugleich ein doppeltes Verhältnis von Hoffnung und Befürchtung, zusammengehalten durch das Band der Sehnsucht: Heimat wendet sich sehnsuchtsvoll an das Vergangene als dasjenige, was aufgrund seiner Abgeschlossenheit, seines Fertigseins beruhigenden Halt verspricht, aber zugleich durch die Unentrinnbarkeit des endgültig Festgelegten bedroht; und sie wendet sich an die Zukunft als dasjenige, was in der Freiheit offener Optionen die Möglichkeit des Guten oder Besseren bietet, aber zugleich durch die beängstigende Haltlosigkeit ihrer Unbestimmtheit Verunsicherung schafft. In diesem sehnenden, eigenartig ort- und zeitlosen Zwischenverhältnis des Nicht-Mehr und des Noch-Nicht konstituiert sich Heimat als etwas, das eine Grundstruktur alles Menschlichen und zugleich aller Philosophie ausdrückt und vollzieht: als Verhältnis, das „bleibt und ist, indem es wird“ (Ernst Bloch).

Von affektiven Überlagerungen befreit und gleichsam philosophisch entkernt, zeigt sich Heimat damit selbst als ein flüchtiger Begriff in mehrfacher Hinsicht. Er entzieht sich einer eindeutig fixierenden Definition, er flieht in das unbestimmt Bestimmbare und bleibt doch kreisend gebunden an einen Bedeutungskern, der keineswegs beliebig ist, der vielmehr selbst in der Flüchtigkeit und Bestimmungsbedürftigkeit als Strukturmerkmal menschlicher Existenz gründet. Heimat als philosophischer Begriff ist daher nicht selber Orientierung, sondern die Suche nach Orientierung; Heimat heißt nicht Zuhause-Sein, sondern das Streben nach Zuhause-Sein. Heimat ist wie menschliche Existenz beständig auf der Suche nach sich selbst, und sie bringt dieses Suchen zugleich auf einen Begriff.

Sie kann dies aber nur aus der Perspektive der Distanz, aus einer Haltung der Entfremdung: Wer Heimat will, muss daher immer seinen Blick auch in die Ferne richten. Entfremdung ist selbst noch der Hintergrund für die Vexierbilder von Heimat: In den naturhaft-unberührten Bergidyllen der idealistisch verkitschten Heimat zeigt sich der Gegenentwurf zu der real als gar nicht mehr heil empfundenen Welt der industriellen Revolution, deren rasante Umwälzungen auch sinnlich-konkret und damit symbolhaft das Landschaftsbild der Hochindustriezonen denaturiert haben. Heimat hat erst spät, im Kontext dieser gleichsam industriellen Vertreibung aus den Gestaden der vertrauten Sozial-, Welt- und Lebensverhältnisse die ideelle Bedeutung angenommen, die heute mit dem Begriff verbunden wird, und noch die nationalistische Besetzung des Heimatbegriffs spiegelt den Hintergrund dieser Entwurzelung und nutzt ihn aus.

An dieser Stelle zeigt sich das gleichzeitig gegebene Sinngebungs- und das Gefahrenpotential von Heimat: Der Mensch, der in der Fähigkeit zur Selbstdistanz, von sich selbst entrückt, immer zugleich aus der Ferne auf sich selber schaut, bedarf in der Tat einer Beheimatung, eines Heims, in das er zurückkehrt, um bei sich selber anzukommen. Mehr noch: Er kann sogar, selbst wenn er es wollte, diesem Heimatbezug, der Heimatverwiesenheit seiner eigenen Existenz unmöglich entrinnen, und nur hierin gründet das Schicksalsmoment von Heimatlichkeit. Aber wie der Mensch in seinen Lebensvollzügen niemals absolut fertig wird, so kann er auch niemals endgültig ankommen und für immer zu Hause sein. Jeder Versuch, in der Welt der Menschen, deren Schicksal es ist, immer unterwegs und gerade darin auf ein Zuhause gerichtet zu sein, ein ewiges Haus, eine absolute Heimat zu errichten, führt zu einer im doppelten Sinne unmenschlichen – einer menschenunangemessenen und zugleich inhumanen – Totalisierung von Heimat: Denn ein ewiges Zuhause gibt es nur im absoluten Jenseits, und die absolute Ruhe gibt es nur im Tod.

Heimat als ebenso unverzichtbares wie unentrinnbares menschliches Grundverhältnis wiederzuentdecken und neu in Wert zu setzen bedeutet daher zugleich, sie vor endgültig festlegenden Bestimmungen und fixierenden Vereinnahmungen zu bewahren. Dann aber kann sie in einer Zeit, die wie selten zuvor im Begriff ist, tradierte und feste Lebensverhältnisse loszulösen und zu flexibilisieren, auch in politischer, gesellschaftlicher und lebensweltlicher Hinsicht eine wichtige, eine unverzichtbare Rolle spielen. Dann besteht tatsächlich Hoffnung, dass sich in dem Bestreben, eine menschliche Welt zu schaffen und zu bewahren, die Utopie Ernst Blochs verwirklichen lässt: etwas in der Welt entstehen zu lassen, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

(Aus dem Begleitheft zur Veranstaltung)
© Dr. Martin Booms 2008