Philosophie der Sicherheit
Die siebte Staffel öffentlich-akademischer Kolloquien kreist um das Thema Sicherheit. Beginn der Kolloquien ist Freitag, der 30.10.2009, ab dann jeweils wöchentlich freitags von 16-18 Uhr, in Hörsaal 1 der Universität Bonn. Gäste sind diesmal: Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio (Bundesverfassungsrichter), Gerhart R. Baum (Bundesinnenminister a.D.), Dr. Henrik Pontzen (Philosoph und Risikoberater in der Finanzbranche), Jürgen Friedrich Hake (Leiter Systemforschung und Technologische Entwicklung am Forschungszentrum Jülich).

Motto

„Die Illusion restloser Sicherheit ist eine Hauptsäule politischer Herrschaft. Nicht Freiheit, Gleichheit oder Solidarität sind die Leitideen heutiger Politik, sondern Sicherheit.“
(Wolfgang Sofsky, Das Prinzip Sicherheit)

Teilnahme und Begleitheft

Begleitheft zum Kolloquium "Sicherheit"

Teilnahme:
Zu allen Veranstaltungen sind sowohl Studierende aller Fachbereiche als auch die interessierte Öffentlichkeit sowie Medienvertreter herzlich eingeladen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Veranstaltungsort und -zeit:
Universität Bonn, Hauptgebäude, Am Hof 1, 53113 Bonn. Hörsaal I. 13 Kolloquien, jeweils freitags, 16-18 Uhr. Beginn: 30.10.09. Ende: 05.02.10.

Begleitheft:
Zur Veranstaltung ist ein ausführliches Begleitheft erhältlich und kann ab 30.10.09 über die Akademie oder direkt am Veranstaltungsort bezogen werden.


Veranstalter:
Projektreihe der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur i.V.m. dem Institut für Philosophie der Universität Bonn.

Programm

Eröffnung – 30.10.09:
Was ist Sicherheit? – Zum Wesen eines unhinterfragten Begriffs
Einführung in die Thematik. Themenschwerpunkt: Wechselverhältnis der anthropologischen, normativen, ethischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension von Sicherheit, Sicherheit als sozialer Wert, politisches Konzept und technisches Ideal.
Referent: Dr. Martin Booms

2. Sitzung – 06.11.09:
Sicherheit und die Natur des Menschen – Anthropologische Betrachtungen
Themenschwerpunkt: Der Mensch als „riskiertes Wesen“.
Grundlage: Arnold Gehlen, Der Mensch/Urmensch und Spätkultur
Referent: Dr. Martin Booms

3. Sitzung – 13.11.09:
Sicherheit und der Bann der Zukunft – Zeitphilosophische Betrachtungen
Themenschwerpunkt: Sicherheit als Entzeitlichung der Zukunft.
Grundlage: Franz-Xaver Kaufmann, Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem.
Referent: Dr. Martin Booms

4. Sitzung 20.11.09:
Sicherheit und das Problem des Wissens – Erkenntnistheoretische Betrachtungen
Themenschwerpunkt: Ungewissheit als Sicherheitsproblem, die neuzeitliche Wende zum Subjekt und die Notwendigkeit einer sicheren Methode der Wissenschaft.
Grundlage: Réné Descartes, Abhandlung über die Methode/Meditationen.
Referent: Dr. Martin Booms

5. Sitzung – 27.11.09:
Sicherheit und die Macht des Staates – Staatsphilosophische Betrachtungen I
Themenschwerpunkt: Die philosophischen Grundlagen des modernen Sicherheitsstaates.
Grundlage: Thomas Hobbes, Leviathan.
Referent: Dr. Martin Booms

6. Sitzung – 04.12.09:
Sicherheit und das Recht der Freiheit – Staatsphilosophische Betrachtungen II
Themenschwerpunkt: Die philosophischen Grundlagen des modernen Rechtsstaates.
Grundlage: W. v. Humboldt, Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.
Referent: Dr. Martin Booms

7. Sitzung – 11.12.09:
Gastvortrag: „Was heißt ‚innere Sicherheit’?“
Referent: Gerhart R. Baum, Bundesinnenminister a.D.

8. Sitzung – 18.12.09:
Gastvortrag: „Was heißt ‚soziale Sicherheit’?“
Referent: Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht

WEIHNACHTSPAUSE

9. Sitzung – 08.01.10:
Sicherheit als Wertideal der Gesellschaft – Sozialphilosophische Betrachtungen
Themenschwerpunkt: Der Aufstieg von Sicherheit zum gesellschaftlichen Wertbegriff.
Grundlage: Franz-Xaver Kaufmann, Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem.
Referent: Dr. Martin Booms

10. Sitzung – 15.01.10:
Gastvortrag: „Sicherheit und Geld –Über Risikoplanung in der Finanzwirtschaft“
Referent: Dr. Henrik Pontzen, Philosoph und Risikomanager in der Finanzbranche.

11. Sitzung – 22.01.10:
Sicherheit und die Globalisierung des Risikos – Risikoethische Betrachtungen
Themenschwerpunkt: Risiko als Merkmal gesellschaftlicher Globalisierung.
Grundlage: Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft.
Referent: Dr. Martin Booms

12. Sitzung – 29.01.10:
Gastvortrag: „Was heißt und gibt es überhaupt ‚technische Sicherheit’?“
Referent: Jürgen-Friedrich Hake, Leiter Systemforschung und Technologische Entwicklung am Forschungszentrum Jülich.

13. Sitzung – 05.02.10:
Öffentliche Abschlussdiskussion „Sicherheit wozu? – Zur Notwendigkeit einer Zielbestimmung“
Einführung und Moderation: Dr. Martin Booms

im Anschluss:

Abschlussabend „Philosophie im Kino“
19.30 Uhr im WOKI Bonn, Bertha-v.-Suttner-Platz 1–7, 53113 Bonn; Inhaltliche Einführung, Filmvorführung und Publikumsdiskussion.
Einführng und Moderation: Dr. Martin Booms

Inhaltliche Einführung

Sicherheit ist in aller Munde. Wenige andere Begriffe haben in der Moderne einen derart rasanten Aufstieg erlebt wie derjenige der Sicherheit. Der Grund für diese Entwicklung liegt – obwohl fast ausschließlich vor einem derartigen Hintergrund diskutiert – doch nur scheinbar am faktischen Auftreten konkreter Bedrohungssituationen, wie sie als prä­gende Erfahrungen in der Neuzeit etwa durch das verheerende Erdbeben von Lissabon vom 1. November 1755 und in jüngster Zeit durch die furchtbaren Terroranschläge vom 9. September 2001 ohne Zweifel gegeben sind. Sieht man aber genauer hin, sind derartige Katastrophen, Unglücke und Terrorakte offenbar nicht nur die Quelle, sondern auch und vielleicht mehr noch der Anlass für die Freisetzung eines latenten, umgreifen­den und zugleich schwer fassbaren Unsicherheitsgefühls der Moderne.

Dass das typisch moderne Bedürfnis nach Sicherheit keineswegs mit akuten Bedrohun­gen korreliert sein muss, ja in gewisser Weise sogar eine Entkopplung von diesen gera­dezu voraussetzt, wird erkennbar an dem zunächst paradox anmutenden Umstand, dass Sicherheit in den unterschiedlichsten Bezügen erst und gerade dann zu einem expliziten Bedürfnis wird, wenn das Problem, auf das sie sich bezieht, im Grunde schon gelöst ist: Die Sorge um Wohlstandsicherung und das Bedürfnis nach materieller Absicherung werden individuell und gesellschaftlich erst zum Thema, wenn das Wohlstandsniveau so weit gestiegen ist, dass niemand mehr ernsthaft einer existentiellen Gefährdung ausge­setzt ist – der Hungernde strebt nach Brot, und nur der Satte strebt nach Sicherheit. 

Sicherheit ist also auf eigenartige Weise immer ein Zweites, und sie erweist sich zugleich als eminent gegenstandslos: Der Hungernde fühlt einen akuten Mangel, aber keine mate­rielle Verunsicherung; umgekehrt strebt der Wunsch nach materieller Sicherheit nicht nach Versorgung, sondern nach der Garantie der Versorgung: Er zielt gleichsam auf das Brot von morgen und damit auf etwas Fiktives, das in einem wesenhaften Sinne nicht real ist. Auch das Versagen von Technik führt akut nicht zu einer technischen Unsicherheit, son­dern zu einem technischen Problem; umgekehrt zielt das Bemühen um technische Sicher­heit nicht auf das Funktionieren eines Systems, sondern auf die Aufrechterhaltung und Gewährleistung dieser Funktionalität. Wenn es also überhaupt einen Gegenstand gibt, auf den sich Sicherheit bezieht und über den sie definiert werden kann, dann ist es die Sicherheit selbst:

                                                                    [...]

Trifft dieser Befund zu, dann wird jener tieferen, im Kern unpolitischen, aber politisch virulenten Dimension spezifisch moderner Unsicherheit mit äußerlichen Maßnahmen instrumenteller Sicherheitspolitik nicht beizukommen sein. Statt dessen müsste die Kernaufgabe jeder freiheitlich verpflichteten Sicherheitspolitik darauf zielen, die Bedin­gungen zu fördern, unter denen jene eigentliche Form „innerer Sicherheit“ gedeihen kann, die die wahre Grundlage der Möglichkeit aller Freiheit ist.

(Aus dem Begleitheft zur Veranstaltung)
© Dr. Martin Booms 2009