Markt und Mensch
Erstmals durchgeführt im Auftrag der Stiftung Wertevolle Zukunft, Hamburg 05. April 2007.
Thematische Einführung
„In Zeiten einer globalisierungsbedingten Verschärfung der wirtschaftlichen Wettbewerbsbedingungen sowie einer zunehmenden Ausdehnung marktwirtschaftlicher Mechanismen sowohl nach außen – d. h. in weltwirtschaftlicher Hinsicht – , aber zunehmend auch nach innen – in gesellschaftlicher und lebensweltlicher Hinsicht – stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Marktprinzip und Menschlichkeit in jüngster Zeit in neuer und verstärkter Form. Während Befürworter einer möglichst uneingeschränkten Marktliberalisierung häufig darauf verweisen, dass das Marktprinzip durch sein Potential der Wohlstandssteigerung gerade im Dienste des Menschen steht und daher aus sich heraus eine moralische Dignität erhält, sehen Marktskeptiker im Prozess einer ungehemmten „ökonomischen Kolonialisierung“ von Gesellschaft und Lebenswelt eine zunehmende Entmenschlichung und verweisen auf das Entfremdungspotential einer immer stärker wettbewerbsorientierten Marktgesellschaft.

Aus philosophischer Perspektive ist in diesem Kontext nach dem inneren Zusammenhang von Markt und Mensch zu fragen: Welches Konzept von „Menschlichkeit“ ist jeweils gemeint, wenn über die ethische Relevanz des Marktprinzips gesprochen wird? Welchen Status hat überhaupt die unabdingbare wirtschaftliche Dimension im Gesamtrahmen menschlicher Lebensbezüge und Wesensbestimmungen, und welche Rolle spielt diese ökonomische Dimension für die klassische Frage nach einem gute Leben? In welchem Verhältnis steht das „relativierende“ marktwirtschaftliche Grundelement des (Aus-)Tauschens zur urmenschlichen Ausrichtung auf „absolute“ Werte wie Glück und Sinnhaftigkeit? In welchem Verhältnis steht das marktwirtschaftliche Moment des auf den Eigenvorteil zielenden Wettbewerbs zu Grundwerten wie Solidarität und Mitmenschlichkeit? Wo beginnt die Sphäre von Menschlichkeit, die prinzipiell nicht nach dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung, Wert und Gegenwert, Tausch und Gegentausch organisiert werden darf, und wodurch ist sie definiert?

Aus philosophischer Perspektive ist keine dieser Fragen abschließend und gleichsam aus der Sache selbst heraus beantwortbar: Die Frage nach den ethischen und humanen Dimensionen der Marktwirtschaft setzt vielmehr einen Selbstverständigungsprozess darüber voraus, welche Wert- und Zweckbestimmungen für das individuelle und das gesellschaftliche Leben faktisch leitend sind, und einen Entscheidungsprozess dahin gehend, welche dieser Bestimmungen (noch) normativ leitend sein sollen: So wenig wie das Prinzip Markt aus sich heraus unmenschlich ist oder der Wettbewerb unsolidarisch, so wenig selbstverständlich führt eine Marktliberalisierung aus sich heraus zu mehr Freiheit und eine Steigerung des Wohlstands zu einer Vermehrung des Guten in der Welt. Beide Auffassungen, wenn Sie nicht auf der Grundlage eines aufgeklärten Bewusstseins über ihre eigenen wertebezogenen Voraussetzungen basieren, sind in gleicher Weise naiv, ebenso wie jedes wirtschaftliche Handeln auf politischer, unternehmerischer und persönlicher Ebene, das sich der Mühe dieses Selbstverständigungsprozesses entzieht, nicht in erster Linie moralisch oder unmoralisch ist, sondern inkompetent und unaufgeklärt.“