Arbeit und Anerkennung
Erstmals veranstaltet im Auftrag der Stiftung Wertevolle Zukunft, Hamburg 12. Juli 2007.
Thematische Einführung
„Die Aktualität und Dringlichkeit der Frage nach dem Umgang mit Arbeit und Arbeitslosigkeit für die zukunftsfähige Gestaltung der modernen Gesellschaft ist über alle Lager unumstritten. Arbeit hat umfassende Bedeutung auf verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens: als Gegenstand politischer Lenkung, als Quelle ökonomischer Wertschöpfung, als Status sozialer Anerkennung. Wie bei wenigen Themen sonst greifen diese gesellschaftlichen Ebenen aber unmittelbar und mit individuell spürbaren Konsequenzen in das persönliche Leben der Menschen über: Arbeit ist ein Schnittstellenthema im Kreuzungspunkt gesellschaftlicher Relevanz und lebensweltlicher Betroffenheit. Gerade dieser Durchgriff auf die individuelle Lebens- und Erfahrungswelt des Einzelnen hat zur Folge, dass die Debatte um Arbeit niemals nur rein sachorientiert, als wertfreie und nüchterne Diskussion um sozio-ökonomische Realzusammenhänge erfolgt, sondern immer auch in hohem Maß ideelle, manchmal ideologische und häufig emotionale Merkmale aufweist: Arbeit betrifft den Menschen im umfassenden Sinne, als biologisches Wesen, dass sich seine Versorgung erwirtschaften muss, aber auch als sinnbedürftiges und sinnstiftendes Wesen, das in der Arbeit ein Verhältnis zu sich selbst (Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung), ein Verhältnis zu anderen (soziale Einbindung und Integration) und ein Verhältnis zur Welt außer ihm (materielle Teilhabe und kreative Gestaltung) entwickelt.

Dieser fundamentale Charakter, die unhintergehbare Bedeutung von Arbeit für den Menschen begründet auch den tieferen Zusammenhang von Arbeit und Anerkennung: Denn Anerkennung ist der soziale Ausdruck des Respekts vor der Würde des Menschen – jenem ebenfalls fundamentalen und unhintergehbaren Wert, der die Wurzel unseres humanistischen Grundverständnisses bildet. Die Frage nach dem Zusammenhang von Arbeit und Anerkennung hat also eine Tiefendimension, die sie der philosophischen Perspektive erschließt und in den Kontext sehr grundsätzlicher Fragestellungen stellt: Wovon sprechen wir eigentlich, wenn von Arbeit die Rede ist, welche Funktionen und Sinndimensionen hat sie? Was ist die Grundlage für gesellschaftliche Anerkennung und auf welches Konzept von Menschenwürde rekurriert diese Anerkennung? Gibt es ein Grundrecht auf Arbeit, und wenn ja, welches Arbeitsverständnis wird dabei zugrunde gelegt? Welche Rolle spielt Arbeit jenseits der ökonomischen Notwendigkeit für die freie Selbstverwirklichung des Menschen und damit für ein freiheitlich verfasstes Gemeinwesen? Oder steht die Notwendigkeit der Arbeit, die seit jeher immer auch das Stigma der Mühe und Last an sich trägt, einer freien Persönlichkeits- und Gesellschaftsentwicklung eher entgegen, so dass in Zeiten technischer Rationalisierung und Automation ihre Reduzierung oder gar Abschaffung geboten scheint?

Derartige Fragehorizonte zielen auf fundamentale Wertfragen, die mit unserem Verständnis vom Menschen und von Gesellschaft im Ganzen zusammenhängen. Sie sind dadurch aber keinesfalls wirklichkeitsenthoben, sondern wirken auf die konkreten sozio-ökonomischen Steuerungsfragen und Gestaltungsherausforderungen der modernen Arbeitsgesellschaft zurück: auf die Frage nach dem gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Arbeitslosigkeit, auf die Debatte um die Reformierung der Steuerungssysteme von Erwerbsarbeit oder um die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Das theoretische Grundlagenwissen um das Spektrum und den Status des Arbeitsbegriffs zeigt sich so als  wesentlicher Bestandteil für die kompetente und aufgeklärte Gestaltung moderner Arbeitsverhältnisse in der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Praxis.“