Konsum und Kontrolle
Erstmals veranstaltet im Auftrag der Stiftung Wertevolle Zukunft, Hamburg 29. November 2007.
Thematische Einführung
„Mit der Etablierung einer wettbewerbsorientierten, technisch-rationalisierten und damit hochproduktiven Wirtschaftsweise ist – zunächst in den westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der Globalisierung dann zunehmend in weltweiter Dimension – der Konsum zu einer zentralen Kategorie nicht nur des wirtschaftlichen Prozesses, sondern auch der gesellschaftlichen Ausrichtung und der individuellen Lebensführung geworden. Dieser Bedeutungsaufschwung des Konsums wurde zunächst von der Konsumkritik der 60er Jahre aufgegriffen und durchweg negativ bewertet: Konsum gilt hier als Instrument einer gesellschaftlichen Unterdrückungsstruktur, die das Bewusstsein des Einzelnen durch Werbung manipuliert und mittels fortlaufender Erzeugung falscher Bedürfnisse einen Konsumterror entfacht, der die Menschen in einem Zustand fortgesetzter Unfreiheit und gesellschaftlicher Kontrolle hält.
Dem gegenüber zeigt sich in neuerer Zeit – nunmehr als Reaktion auf die globalisierungsbedingte Ausweitung des Konsumprinzips – eine gegenläufige Tendenz: So wird der Konsumismus in systemischer Hinsicht geradezu als Befreiungs- und Befriedungsinstrument angesichts der Herausforderungen eines globalisierten Terrors verstanden. Aber auch in individueller Perspektive wird Konsum, nahezu in Umkehrung der älteren Konsumkritik, nun zunehmend als Kontroll- und Steuerungsinstrument des einzelnen Bürgers gegenüber der überbordenden Dominanz ökonomischer Machtverhältnisse neu in Wert gesetzt: Der Ohnmacht des werbemanipulierten und den ökonomischen Verhältnissen ausgelieferten Menschen wird der ‚politische Konsument’ (Beck) bzw. der ‚republikanische Wirtschaftsbürger’ (Ulrich) als gestaltender Akteur der sozio-ökonomischen Verhältnisse gegenüber gestellt.
Zwischen diesen Polen bewegt sich die Debatte um das Verhältnis von Konsum und Kontrolle: dem Gefühl der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem werbe- und mediengestützen System der Wirtschaft, der Aufwertung des mündigen Konsumenten innerhalb des Wirtschaftssystems und der Aufwertung des Konsumismus im Ganzen als ethisch wertvolles Instrument in der globalisierten Welt.
Eine mögliche Antwort auf die offene Frage nach dem Verhältnis von Konsum und Kontrolle eröffnet sich nur vor dem erweiterten Horizont vielfältiger Gesichtspunkte. Aus philosophischer Perspektive zeigt sich der Konsum – ebenso wie die Produktion – als vermittelndes Verhältnis des Menschen zu den Dingen, und damit als Ausdrucksraum menschlichen Selbstverständnisses in der Welt. Welche Rolle spielt Konsum auf dieser elementaren menschlichen Ebene: Ist Konsum in seiner modernen Ausprägung Ausdruck und Fortsetzung einer materialistischen Grundhaltung in ökonomischer Gestalt? Oder dient gerade die moderne Form des Konsums als Ausdrucks- und Ausweichraum verloren gegangener ideeller Werte?
Eine weitere Fragedimension betrifft das Verhältnis von politischer und ökonomischer Steuerung gesellschaftlicher Fragen: Wenn modernitätsbedingt die ökonomischen Kräfte an Einfluss gegenüber den klassischen politischen Gestaltungsinstrumenten gewinnen, ist damit notwendigerweise eine Entpolitisierung der Gesellschaft verbunden? Oder verlangt dieser Prozess vielmehr eine Verlagerung der politischen Gestaltung in den Handlungsraum der Wirtschaft? Eröffnen sich hier möglicherweise sogar neue Gestaltungsräume für politisches Handeln im demokratisch-freiheitlichen Sinne?
An welcher Stelle wären weiterhin diese Gestaltungsräume auszufüllen, handelt es sich dabei um politische Steuerung auf der Ebene der Rahmenordnung oder auf der Ebene der einzelnen Wirtschaftsbürger? Gibt es im immer weiter ausgeweiteten System der Marktwirtschaft überhaupt Schlupflöcher für eine wirksame politische Wirtschaftsgestaltung durch den Einzelnen? Oder kommt nicht umgekehrt das System der Marktwirtschaft der gestaltenden Einwirkung des einzelnen Wirtschaftsbürgers als Konsument entgegen?
Schließlich ist zu fragen: Selbst wenn es einen solchen systematischen Handlungsort des einzelnen Wirtschaftsbürgers gibt, an dem er seinen Einfluss auf die Gestaltung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft prinzipiell geltend machen kann: Ist dies in einer werbe- und medienzentrierten Gesellschaft auch real möglich? Sind unsere (Wert-)Haltungen und (Kauf‑)Entscheidungen unterschwellig von Werbung manipuliert, oder muss nicht umgekehrt Werbung, um erfolgreich zu sein, auf Wertebewusstsein und Wertewandel in der Gesellschaft reagieren?