Neue Herausforderungen
Fragen nach dem Verhältnis von Wirtschaft und Werten gewinnen in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik, aber auch in der Unternehmenswelt sowie auf der individuellen Ebene menschlicher Lebenswelt zunehmend an Bedeutung. Unternehmen sehen sich herausgefordert, ihr Verhältnis zu gesellschaftlicher Verantwortung und ethischen Maßstäben neu zu definieren und transparent zu kommunizieren, globalisierungsbedingte Umstrukturierungen der modernen Wirtschaft und damit verbundene neue Anspruchsprofile wirken auf die politische Handlungsebene ebenso zurück wie auf die persönlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen. Mit diesen Prozessen sind neue Chancen und Entwicklungspotentiale verbunden, aber auch neue Herausforderungen und Verunsicherungen, die einer grundsätzlichen ethischen Orientierung bedürfen.

Nicht-ökonomische Grundlagen von Wirtschaft

Dass sich das moderne Wirtschaftsleben in erheblichem Maße aus nicht-ökonomischen Fundamenten entwickelt hat und diese immer noch als konstitutive Elemente in sich trägt, kommt heute noch deutlich in der wirtschaftlichen Terminologie zum Ausdruck: so etwa in Begriffsableitungen wie ‚Handel’ von ‚Handeln’ und ‚Geld’ von ‚Geltung’, in der ethisch-ökonomischen Doppelbedeutung des Begriffs ‚Wert’ und in der Entlehnung von wirtschaftlichen Grundbegriffen wie ‚Gläubiger’, ‚Schuldner’ und ‚Kredit’ aus theologischen Kontexten. Selbst im geläufigen Wort ‚Ökonomie’ selbst (aus oikos = griech. Haus und nomos = Lehre, Gesetz) spiegelt sich ein antikes und dem heutigen geradezu entgegen gesetztes Wirtschaftsverständnis, wonach die materielle Versorgung und der Gütererwerb aus dem öffentlichen Leben in die Verborgenheit des privaten Haushalts verwiesen waren.

Dieses in den Begriffen sichtbar werdende Netzwerk nicht-ökonomischer Bezüge, das sich in das moderne Wirtschaftsleben eingeflochten hat, aber häufig in Vergessenheit geraten ist, hat mehr als nur eine metaphorische oder symbolische Bedeutung, es zeugt von mehr als nur einer äußerlichen Begriffsableitung aus überkommenen Bedeutungskontexten. Dieses Netzwerk ist vielmehr selbst realitätsstiftender Bestandteil auch und gerade des modernen, scheinbar auf reine Sachzusammenhänge und eigengesetzliche Funktionsabläufe zurückgenommenen Wirtschaftsgeschehens. Nur wenn die moderne Wirtschaft in ihrer Verwobenheit mit dem eigenen nicht-ökonomischen Bedingungsfeld in das Blickfeld ganzheitlicher Betrachtung gerät, kann sie in allen relevanten Bereichen – auf der Ebene der einzelnen Wirtschaftsakteure, der Wirtschaftsunternehmen und im Hinblick auf die Wirtschaftsrahmenordnung – sowohl unverkürzt verstanden als auch kompetent gesteuert werden.

In welche Richtung diese Steuerung vorgenommen werden soll, obliegt in einer pluralistischen und offenen Gesellschaft der aufgeklärten Urteils- und Konsensbildung aller verantwortlichen Bürger.
In welcher Weise sie vorgenommen werden kann, hängt nicht zuletzt an dem Zustand einer auf Diskursfähigkeit und Bildung beruhenden öffentlichen Kultur.

Aktueller Bezugspunkt: Die sogenannte Wirtschafts- und Finanzkrise

Dieser theoretische Zusammenhang gewinnt aktuell praktische Relevanz u.a. im Phänomen der sogenannten Wirtschafts- und Finanzkrise. Da diese ebensowenig wie das Wirtschaften selbst kein primär naturales Phänomen ("globales ökonomisches Erdbeben") darstellt, sondern - da Resultat eines komplexen individuellen und sozialen Handlungsgeschehens - ein kulturelles Phänomen, ist sie Ausfluss gesellschaftlicher und individueller Werthaltungen, die wiederum auf vielfach unbewussten, d.h. als solchen gar nicht wahrgenommenen ethischen Handlungsleitungen beruhen: auf einer vorausgesetzten Konzeption des guten Wirtschaftens, das wiederum auf voraussetzungsreichen und reflexionsbedürftigen Begriffen etwa von Erfolg und Glück beruht.
Eine in Analyse und Folgenbekämpfung rein instrumentelle, d.h. wirtschafts- und finanztechnische Behandlung der Krise, die deren soziale, kulturelle und geistige Dimension ausklammert, droht daher grundsätzlich zu kurz zu greifen und einen nachhaltigen Effekt zu verpassen. Neben der im engeren Sinne ökonomischen Perspektive erscheint daher aus der Sache selbst heraus eine kulturalistische und geisteswissenschaftliche Betrachtung der Krise als elementar und unverzichtbar.

Schwerpunktprojekte

Dem Schwerpunkt Wirtschaft sind u.a. folgende Projekte und Veranstaltungen zuzuordnen:

  • Philosophie der Wirtschaft (Reihe "Philosophie und Politik", Teil IV, unter Beteiligung von BM a.D. Gerhart Baum, 2006)
  • Philosophie der Arbeit (Reihe "Philosophie und Politik", Teil II, unter Beteiligung von BM a.D. Dr. Norbert Blüm, 2007)
  • Ökonomie und Vernunft. Grundlagen einer kritischen Wirtschaftsethik (universitäre Lehrveranstaltung, Universität Bonn, 2008)
  • Wirtschafts- und Unternehmensethik I+II (universitäre Lehrveranstaltung, Universität Flensburg, 2008/09)
  • Ethische Grundlagen von Wirtschaft und Unternehmen (universitäre Lehrveranstaltung, Universität Karlsruhe, 2009/10)
  • Theorien der Arbeit (universitäre Lehrveranstaltung, Univ. Bonn, 2010)
  • Markt und Mensch (Diskursformat "Schnittpunkte", I, 2007)
  • Arbeit und Anerkennung (Diskursformat "Schnittpunkte", II, 2007)
  • Konsum und Kontrolle (Diskursformat "Schnittpunkte", III, 2007)
  • Die fetten Jahre sind vorbei (Reihe "Philosophie im Kino", I, 2007-2009)
  • Werte und Erfolg (deutschlandweite Diskursforen und Publikation, 2008/09)
  • Energie und Ethik (wissenschaftliche Kooperation und Diskursprojekt mit dem Forschungszentrum Jülich, seit 2009)
  • Finanzen und Verantwortung (deutschlandweite Diskursforen, seit 2010)
  • Moral als ökonomischer Faktor - Neue Handlungsfelder für Unternehmen und Konsumenten? (Vortrag am FZ Jülich, 2009)
  • Unternehmen mit Verantwortung (Konzept Unternehmerabende und Eingangsveranstaltung, in Koop. mit GUT Neuss/Zülow AG, seit 2010)
  • Werte (Vortrag für die Stiftung der Deutschen Wirtschaft, 2010)
  • Entgrenzung des Konsums - Chance oder Bedrohung freiheitlich-politischer Kultur? (Vortrag an der Universität Tübingen, 2010)
  • Führung und Verantwortung (Leitung Consulting Akademie 2010, zusammen mit Prof. Dr. Matthias Schmidt, 2010)
  • Big Brother ist watching you? Chancen und Risiken der schönen neuen Datenwelt (Unternehmerabend zus. mit Gerhart Baum, im Auftrag der SITA Airport IT GmbH, Düsseldorf)
  • diverse Veröffentlichungen