Verantwortungseliten und Leistungseliten - Gesellschaftsethische Schlussfolgerungen aus dem Fall Ulrich Hoeneß
Ein Plädoyer von Martin Booms. Die öffentliche Debatte um die Steueraffäre des Unternehmers und Fußballfunktionärs Ulrich Hoeneß greift zu kurz, wenn man sie auf eine Moraldebatte um eine Einzelperson reduziert. Wer moralische Verantwortung nur von „denen da oben“ verlangt, macht es sich denkerisch zu einfach und moralisch zu bequem. Denn Verantwortung wird zwar gerne und viel gefordert, aber meist nur bei Anderen und Anderswo – das heißt bevorzugt bei den sogenannten Eliten. Erstens gilt aber: Die Verantwortung für die Verantwortung liegt aber bei jedem einzelnen selbst – andernfalls droht die Gefahr von Doppelmoral und moralischem Pharisäertum. Zweitens: Relevant für den moralischen Stand einer Gesellschaft ist nicht primär, was oben, in den Spitzen der Gesellschaft, passiert, sondern welche Wertehaltungen und moralischen Orientierungsmuster unten, am Fundament der Gesellschaft, wirksam sind. Einen ethischen Freispruch für die Eliten – auch für Ulrich Hoeneß – bedeutet das aber keineswegs.

Nicht die Wertekultur in der Spitze, sondern am Fundament der Gesellschaft entscheidet

Autor: Martin Booms

In Wertefragen stinkt der Fisch, entgegen einer landläufigen Auffassung, ausnahmsweise nicht zuerst vom Kopf: Einseitige Profitorientierung und eine Haltung persönlicher Nutzenmaximierung etwa wurzeln eben nicht in den Spitzen der Gesellschaft (dies wäre schon vom Sprachbild falsch), sondern sie werden in ihnen nur in plastischer Weise sichtbar – im Wortsinn: Sie bekommen ein Gesicht, einen Namen  und werden somit angreifbar. Entscheidend sind aber nicht diese Gesichter, sondern die vielfach unreflektierten und unsichtbaren Werteverständnisse, die gleichsam im Herzen der Gesellschaft pulsieren. Wenn Bildungssysteme im Schul- und Hochschulbereich zunehmend auf Verwertungsnutzen und utilitaristisches Wertedenken ausgerichtet werden, woher sollte dann eine andere Haltung in den Eliten entstehen, die diese Systeme durchlaufen? Wenn die Masse der kleinen Privatanleger/innen das ersparte Geld selbst bevorzugt nach dem Maßstab anlegt, der das letzte Zehntelprozent Rendite mehr verspricht: Gründet dann die Haltung der Profitmaximierung nicht zuerst im Bodensatz einer kollektiven gesellschaftlichen „Geiz-ist-geil“-Mentalität und eben nicht in einer vermeintlich abgekoppelten bzw. umgekippten Wertekultur der Eliten?

Steuerminimierung als erstrebenswertes Gut?

Für die Frage der Steuerhinterziehung bedeutet dies konkret: Wer es selbst als persönlichen Triumph ansieht, bei der eigenen Steuererklärung „erfolgreich“ ein paar Hundert Euro am Fiskus vorbeigeschmuggelt zu haben, hat kein Recht, mit dem moralischen Zeigefinger auf andere zu zeigen. Der vermeintlich „kleine“ Steuerbetrug im Verborgenen ist ethisch betrachtet um nichts weniger verurteilungswürdig als die „große“ Steuerhinterziehung des Prominenten im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Das entlastet freilich den prominenten Betrug – so auch im Fall Ulrich Hoeneß – moralisch um nichts, vermeidet aber eine einseitige Problemwahrnehmung. Der eigentliche Kern des Problems steckt vielmehr in der Frage: Warum eigentlich gilt – und zwar „oben“ wie „unten“ – als besonders kompetent, erfolgreich, ja geradezu als clever und bewundernswert, wem es gelingt, Steuern und öffentliche Abgaben möglichst minimal zu gestalten? Warum gilt es in allen gesellschaftlichen Schichten wie selbstverständlich als vernünftig und gut, möglichst wenig Steuern zu zahlen? Sinnvoll und begründbar ist eine solche allgemein akzeptierte Haltung nur, wenn man die persönliche Nutzenmaximierung als letzten Wertemaßstab absolut setzt: Dann – und nur dann – ist die Steuerabgabe an sich ein persönliches Übel, das wie alle Übel möglichst klein zu halten ist. Solange dieses Werteverständnis unangetastet bleibt, ja noch nicht einmal reflektiert wird, ist aber auch eine nachhaltige Steuerehrlichkeit unmöglich zu erreichen. Eine Gesellschaft, die aufgrund mangelnden Gemeinsinns die Zahlung von Steuern und Abgaben nicht primär als Akt gesellschaftlicher Solidarität und damit als gesellschaftliches Gut begreift, wird erhebliche Schwierigkeiten bekommen – und keineswegs nur finanzielle. Die Frage der Steuerzahlung ist eben keineswegs nur fiskalischer Natur.

Die moralische Verantwortung von Ulrich Hoeneß

Autor: Dr. Martin Booms

Bedeutet das aber eine ethische Entlastung der Eliten – im konkreten Fall von Ulrich Hoeneß? Mitnichten. Ulrich Hoeneß ist ganz offenbar nicht nur rechtlich, sondern auch moralisch für die durch ihn begangene Steuerhinterziehung unumschränkt verantwortlich. Diese ist nämlich offenkundig nicht Resultat eines „Fehlers“ – d.h. einer nicht-intentionalen, ohne Wissen und Wollen vorgenommenen Handlung –, sondern Ausfluss einer moralischen „Verfehlung“. Denn wem sollte man noch eine volle Handlungskompetenz und Handlungsherrschaft („Wissen und Wollen“) in Wirtschafts- und Fiskalfragen unterstellen, wenn nicht einem hocherfahrenen Unternehmer, Spitzenmanager und Privatspekulanten wie Ulrich Hoeneß? Seine Handlung ist daher vollumfänglich  als Betrug zu werten. Wer aber betrügt, beschädigt offenkundig seine moralische Integrität und hat dafür die Konsequenzen zu tragen.

Moralische Integrität ist unteilbar

Diese moralische Integrität ist zudem nicht teilbar in einen "privaten" und einen "professionellen" Sektor, wie eine gängige Entlastungsstrategie zu suggerieren versucht. Nach dieser Strategie ist die moralische Verfehlung nur dem "Privatmann" Ulrich Hoeneß zuzurechnen, wohingegen der "Funktionsträger" Ulrich Hoeneß als Unternehmer und Präsident des FC Bayern München moralisch nicht tangiert sei. Eine analoge Strategie war seinerzeit im Plagiatsfall Karl-Theodors zu Guttenberg zu beobachten: Demnach sei die Verfehlung nur dem (gewollten) "Doktoranden" zu Guttenberg zuzurechnen, dieser sei aber als Politiker, nicht als Wissenschaftler im Ministeramt und habe sich in dieser Funktion ja nichts zuschulden kommen lassen. Wer so argumentiert, hat das Wesen moralischer Integrität nicht verstanden: Diese betrifft die Person in ihrer Gesamtheit, so wie auch immer die eine ungeteilte Persönlichkeit im Zentrum aller ihrer Handlungsvollzüge steht. Eine Trennung von Amt und Privatperson ist daher nur in rechtlicher Hinsicht möglich, nicht aber in moralischer. So wenig, wie man sich ein begangenes Gutes nur zur Hälfte anrechnen wollte und könnte, lässt sich die moralische Verfehlung auf die private Seite der Person reduzieren.

Der herrschende Elitenbegriff und das Wertesystem des Leistungssports

Ein solcher Befund hat aber nichts mit billigem moralischem Aposteltum zu tun. Auch nicht mit populistischer  Elitenschelte. Vielmehr sollte gerade im Blick auf den Elitenbegriff eine andere Konsequenz gezogen werden: Nämlich eine Überprüfung des Koordinatensystems, nach dem eingeordnet wird, wer oder was als Elite gilt. Das bisher geltende Schema ist vertikal genormt: Als Elite gilt, wer „oben“ ist, d.h. an der Spitze der Gesellschaft steht – und wer oder was „oben“ steht, ist gut. Das Gegenstück zur Elite ist dann unten – eben die „Unterschicht“; wer oder was unten steht,  ist schlecht. Hinter einem solchen Schema, das mitnichten selbstverständlich und schon gar nicht unveränderlich ist, steckt aber eine bestimmte Wertehaltung, die originär den Kategorien des Leistungssports entspricht. In der Fußballbundesliga gilt ja in der Tat: Wer in der Tabelle oben steht (also Bayern München), ist gut: er ist der Meister. Wer in der Tabelle unten steht (also Fürth), ist schlecht – er ist ein Absteiger. Möglicherweise ist bereits Ulrich Hoeneß, dessen Lebensleistung, aber auch Persönlichkeit maßgeblich mit dem FC Bayern München, der Inkarnation des Leistungsprinzips im deutschen Fußballsport, verbunden ist, dem fatalen Missverständnis erlegen, dieses Werteprinzip des Leistungssports absolut zu setzen und auf die Gesamtheit seiner Lebensbezüge hineinwirken zu lassen. Wie sollte aber ein solcher Wertemaßstab, der dem Leistungssport entspricht, angemessen sein für eine Gesellschaft im Ganzen? Offenkundig kann eine menschengerechte Gesellschaft nur funktionieren, wenn sie Leistungswerte, die sich in der Tat sinnvoll nach „oben“ und „unten“ skalieren lassen, nicht absolut setzt, sondern nur in definierten Teilbereichen (und durchaus in wichtigen, aber eben nicht allen)  als erwünschte Orientierungsmuster zulässt. Sonst droht – nach dem wohldurchdachten Wort Theodor W. Adornos – die Gefahr, dass wir „allenfalls Sportler erziehen, aber keine entbarbarisierten Menschen.“

Verantwortungseliten statt Leistungseliten

Dann muss aber auch der Begriff der Elite anders definiert werden: Statt einseitig nur auf Leistungseliten zu schauen, sollten wir stärker auf Verantwortungseliten fokussieren. Der Elitebegriff wird dann von einer vertikalen zu einer horizontalen Kategorie: Elite ist demnach, wer integer und verantwortungsvoll handelt – egal ob er oder sie „oben“ oder „unten“ steht. Auch der Sozialhilfeempfänger, der nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht und weder über besonderen Status noch über Vermögenswerte oder sonstige Machtmittel verfügt, kann dann Mitglied der Elite sein. Umgekehrt gilt: Zur „Unterschicht“ – jetzt eben im moralischen Sinne definiert – kann dann auch derjenige gehören, der nach bisherigen Maßstäben zur „Spitze“ der Gesellschaft gehört. Die Zugehörigkeit zu „Elite“ und „Unterschicht“ ist dann keine gesellschaftliche Vorgegebenheit mehr – sie liegt in der freien moralischen Selbstbestimmung jedes Einzelnen.