Brechreiz oder Das humanitären Leiden des Profifußballers
Ein Kommentar zur Diskussion um Per Mertesackers Einlassungen zum Profifußball. Von Martin Booms. Bonn, den 12. März 2018.

Debattenbeitrag von Martin Booms

Per Mertesacker, hoch dotierter Fußballspieler in Diensten des englischen Top-Clubs FC Arsenal, hat mit einem Interview im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL vom 10. März 2018 eine öffentliche Debatte ausgelöst: über Ausbeutung, Leistungsverdichtung  und Unmenschlichkeit – wohlgemerkt im Lizenzspielerbereich des internationalen Profifußballs.

Was zunächst wie die moralisch überfällige Aufbrechung eines der vielen Tabus im Profifußball daherkommt, erweist sich aber bei näherem Hinsehen als haarsträubend. Denn wenn es einen Bereich gibt, in dem eine solche – ansonsten hoch notwendige – Debatte völlig deplatziert ist, dann wohl hier. Zum einen ist der Profisport der Inbegriff einer maximalen Leistungsverdichtung: Jeder, der sich hierfür – übrigens aus freien Stücken – entscheidet, kann und muss das wissen. Vor allem aber: Wie ausgebeutet und bedauernswert kann man sein als Akteur in einer Branche, in dem kaum 20-Jährige, ausgestattet mit Millionenverträgen, bereits nach kürzester Zeit ein vielfaches von dem verdienen, was normal arbeitende Menschen – Sachbearbeiter, Krankenschwester, Altenpfleger, Fließbandarbeiter, Handwerker etc. – jemals als Gesamtlebenseinkommen erwirtschaften können? Letztere sind Menschen, die zunehmend nicht nur einem ganz vergleichbaren psychischen Druck, einer bis ins letzte getriebenen Auspressung von Arbeitsleistung ausgesetzt sind, wie die signifikant gestiegenen Raten von Burnout-Erkrankungen insbesondere in sozialen Berufen belegen, sondern die vor allem keine Möglichkeit haben, diesen Bedingungen ohne weiteres zu entrinnen. So peinlich es ist, aber in diesem Punkt ist Lothar Matthäus ausnahmsweise zuzustimmen: Per Mertesacker hätte – im Gegensatz zu den zuvor genannten Gruppen – jederzeit seinen Beruf aufgeben können, ohne seine Existenz, seinen Lebensstandard oder seine Altersabsicherung zu gefährden; ja er hätte sogar – anders als etwa die Krankenschwester – dabei noch nicht einmal eine Lücke im Bereich gesellschaft­lich nützlicher und damit verantwortlicher Tätigkeiten hinterlassen.

Es mag in der Tat vieles im Profifußball falsch aufgestellt sein. Aber ausgerechnet eine Teilgruppe, die eindeutig zu den Profiteuren des Systems gehört und sich jede erdenkliche Hilfe verschaffen kann, ins Zentrum einer Humanitätsdiskussion zu stellen, ist absurd. Um das Bild zurecht zu rücken, sollte man vielleicht einmal einen der de-facto-Zwangsarbeiter, die in Katar am Ausbau der Spielstätten für die Fußballweltmeisterschaft 2022 schuften, zu den Schlagworten „Brechreiz“ und „Ausbeutung“ befragen.

In Wirklichkeit legen die Bekenntnisse des Per Mertesacker daher weniger einen sozialen Missstand im Bereich des Profifußballs offen, sie belegen vielmehr die bemerkenswerte gesellschaftliche Ent­koppelung und moralische Entrücktheit einer Welt, die sich wie eine abgeschottete Insel inmitten der Gesellschaft befindet: eine Welt, in der die Steuerhinterziehung der großen Stars – übrigens zu Lasten der „kleinen Leute“, die als Fans auf der Tribüne stehen – ebenso zu den akzeptierten Gepflo­genheiten zu gehören scheint wie eine hartnäckig weiter kultivierte Homophobie. Es  muss sich also in der Tat etwas ändern im Profifußball. Aber auf der wahrlich langen To-Do-Liste der Missstände rangieren die humanitären Probleme der Lizenzspieler dabei ziemlich weit unten.

© Prof. Dr. Martin Booms 2018